Park Nikola-Lenivets: «Rotunda», Alexander Brodsky.

«Design Finding Mission Moscow» – Teil 3

Im Rahmen einer einmonatigen Research Residency der Pro Helvetia begibt sich die Designerin Gabriela Chicherio in Moskau auf eine Spurensuche nach zeitgenössischem, russischem Design.

Der Monat in Moskau neigt sich dem Ende zu. Es war eine intensive Zeit. ich durfte viele engagierte Menschen kennen lernen und viele spannende Gespräche führen. Ich nehme vor allem die positive, offene und dynamische Stimmung von diversen Akteuren mit, die sich alle einig sind, dass noch viel getan werden muss – aber auch viel getan werden kann.

Hier gibt es noch Raum für Ideen und Initiativen, aber auch gewaltigen Nachholbedarf: die Stadtplanung ist chaotisch, der Strassenverkehr eine Katastrophe, Barrierefreiheit ein Fremdwort, die Bausubstanz in grossen Teilen marode, die Produktkultur vernachlässigt. Und genau darin wird auch die Chance erkannt. Im folgenden seien vier zukunftsweisende Orte und Initiativen vorgestellt.

Strelka: Vergangenheit bewahren, virtueller Raum denken

Das Strelka Institut bietet Architekten, Intellektuellen, Designern und Medienschaffenden einen kreativen, interdisziplinären Raum, um Themen zu erforschen, die für das urbane Leben von besonderer Bedeutung sind: von der Bewahrung der Vergangenheit und des demografischen Wandels in den Städten bis hin zur Zukunft des Urbanismus und des virtuellen Raums; ein multidisziplinäres Postgraduiertenprogramm in englischer Sprache mit rund 30 Teilnehmenden aus der ganzen Welt. Parallel dazu gibt es ein öffentliches Programm mit Filmvorführungen, Lesungen, Workshops und Parties für ein breiteres Publikum, sowie ein Online-Magazin in Russisch und Englisch. Finanziert wird das Institut über die Strelka KB, ein Beratungsunternehmen mit Interesse an der Stadt als integrales System, die als gemeinnützige Gesellschaft ihre Gewinne wieder in die Weiterentwicklung des Instituts investiert.
 

Der Aussenbereich Strelka Instituts.

Nikola-Lenivets: Abgelegener Kunstpark

Ein abgelegener Naturpark, ein ausgestorbenes Dörflein, ein ausgestiegener Künstler und eine herausragende Idee. Das ist in etwa die Entstehungsgeschichte des einzigartigen Kunstparks Nikola-Lenivets in der Russischen Region Kaluga. Seit 2005 entstehen hier jährlich im Rahmen des Arkhstoyanie Festivals phantastische Installationen zwischen Kunst, Design und Architektur in der freien Natur. Diese werden zusammen mit der lokalen Bevölkerung umgesetzt und können dann das ganze Jahr hindurch, 24h am Tag besichtigt werden. Insgesamt sind so bis jetzt über 100 temporäre oder permanente Werke von nationalen und internationalen Künstlern in den Feldern und Wäldern des Parks zusammen gekommen. Die bekanntesten darunter sind wohl die Rotunda von Alexander Brodsky und der Leuchtturm des Gründers Nikolay Polissky.
 

Park Nikola-Lenivets: «Klever House», Mel Space.

Designers' Club: Kräfte bündeln

Um eine grössere Sichtbarkeit zu erreichen, haben sich die Lokalmatadoren der Russischen Möbelszene Archpole vor kurzem mit 30 weiteren, kleineren Herstellern zum Industrial Designers' Club Russland «kpdrussia» zusammengetan um gemeinsame nationale und internationale Auftritte zu planen und Synergien zu nutzen. Beim Club mitmachen kann, wer selber in Russland produziert und originale, eigenständige Produkte entwickelt. Der Austausch findet jeweils Mittwochs in einer öffentlichen Bibliothek am Rand von Moskau statt. Diese wurde natürlich mit Produkten der Mitglieder ausgestattet und hat so auch an Attraktivität gewonnen. Kommuniziert wird – wie sehr oft in Russland – über die sozialen Netzwerke Instagram und Facebook.
 

KPD Russia, Bibliothek.

Richter: A space to create and interact 

Das «Richter» gilt als einer der hippsten Orte der Stadt. Es beherbergt ein 5-Sterne-Boutique-Hotel, ein vegetarisches Restaurant, eine Bar, eine Vermoutheria, eine Bibliothek, einen Zeitschriftensaal, eine Galerie für zeitgenössische Kunst, das Radiostudio «Glagolev FM», eine Druckwerkstatt und einen Aussenbereich für Events. Die Gründerin Nastya ist Anfang dreissig und Teil dieser neuen Generation, die in Russland etwas bewegen will. Das Richter soll ein unabhängiger Ort sein, an dem kreative Unternehmer, Künstler, Medienvertreter, Denker, Musiker und Schriftsteller frei interagieren und sich inspirieren lassen können. Ganz nach dem Motto: A space to create and interact. Der multidisziplinäre Ort ist offen für Experimente und spielt gezielt mit dem Stilbruch zwischen dem alten Herrenhaus, Vintage-Stücken, modernen Design Klassikern, cooler Loungemusik, bröckelnden Wänden, originalen Stuckdecken und Fresken in Kombination mit zeitgenössischer Kunst.
 

Richter: Fresko an Decke in Gästezimmer, Kunst im Treppenhaus.

Bemerkenswert bei all diesen Projekten erscheint mir der entspannte Umgang zwischen den Disziplinen, das grosse Engagement der Beteiligten und das gezielte Nutzen und Aufbauen von Synergien: alle diese Projekte berufen sich auf die gemeinschaftlichen, verbindenden und sich gegenseitig befruchtenden Elemente. In Moskau enden die meisten meiner Treffen mit dem ehrlichen Angebot, dass Kooperationen und Ideen mehr als willkommen sind. Ich will es gerne glauben, und bin überzeugt, dass diese Reise nach Moskau nicht meine Letzte gewesen sein wird.

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