Lake Verea fotografieren das VDL House (1932) von Richard Neutra, Silverlake, Kalifornien. Paparazza Moderna Serie, 2011–2018 © Lake Verea

Paparazza moderna

Der freche Blick hinter die Fassaden moderner Architekten-Genies: das mexikanische Künstlerinnenduo Lake Verea zeigt mit «Paparazza Moderna», was wir immer schon wissen wollten.

«Wir sind keine Akademikerinnen, wir sind paparazze!», sagen Francisca Rivero-Lake und Carla Verea. Das mexikanische Künstlerinnenduo, das unter dem Namen Lake Verea agiert, portraitiert Einfamilienhäuser, die von Walter Gropius, Marcel Breuer, Mies van der Rohe und anderen berühmten Architekten der Moderne erbaut wurden. Ihr Projekt «Paparazza Moderna» wird aktuell in einer von Viviane Stappmanns kuratierten Ausstellung im Vitra Design Museum gezeigt.

Lake Verea, Glass House (Phillip Johnson, 1949), New Canaan, Connecticut. Paparazza Moderna Serie, 2011–2018 © Lake Verea
Lake Verea nähern sich den Häusern mit Kameras, um sie und ihre Umgebung zu erkunden und ihre Persönlichkeiten in Fotografien einzufangen. In kurzen Texten, die auf eigenen Recherchen basieren, erzählen sie Geschichten über die Entstehung dieser Gebäude. Dabei bedienen sie nicht den Anspruch der klassischen Architekturfotografie, welche die Ikonen bestmöglich ins Bild setzen will. Vielmehr porträtieren sie die in die Jahre gekommenen Häuser wie sie sind, mit Rissen in der Fassade und kitschiger Deko im Vorgarten. Lake Verea folgen ihren Instinkten, lassen ihre eigenen emotionalen Reaktionen einfliessen und interpretieren die Häuser als lebende Charaktere.

Lake Verea, Lovell House (Richard Neutra, 1927-29) Silverlake, Kalifornien. Paparazza Moderna Serie, 2011–2018 © Lake Verea
Ihre Online- und Offline-Recherchen, welche die fotografischen Arbeiten begleiten, sind getrieben von ihrer Faszination für Mythen und Gerüchte, für Klatsch und Tratsch, welche die jeweiligen Stararchitekten umgeben: Wie sah das Privatleben der Architekten aus? Wieso liefen manche Kollaborationen schief? Inwiefern hatten zwischenmenschliche Konflikte Einfluss auf ihre kreativen Arbeiten und deren Umsetzungen? Die Ausstellung im Vitra Design Museum zeigt die Fotografien zusammen mit den recherchierten Geschichten und Spekulationen über Zusammenarbeiten und Konflikte, Freundschaften und Feindschaften zwischen den Architekten, ihren Kollegen und Familien. So wird deutlich, dass Berufliches und Persönliches untrennbar miteinander verflochten sind und die geteilten oder einander widersprechenden Träume und Überzeugungen der Protagonisten immer, ob direkt oder indirekt, im Wechselspiel mit ihrer Umgebung stehen.

Installationsansicht © Vitra Design Museum, Foto: Bettina Matthiessen
Francisca Rivero-Lake und Carla Verea dokumentieren auch ihre eigenen Recherchen und zahlreichen Reisen zu den Häusern. Die Hinweise, Zeitungsschnipsel, die auf obskuren Internetseiten gefundenen Artikeln, grossformatigen Landkarten und Broschüren von Motels, in denen sie übernachtet haben, sind ebenfalls Bestandteil des Projekts. Genauso wie der performative Aspekt der Paparazza-Rolle: Wie eine Uniform tragen sie beide von Kopf bis Fuss Schwarz, wenn sie sich mit ihren Kameras den Gebäuden nähern. Und wie in einem Film werden sie selbst zu Darstellerinnen – zu klären bliebe da nur noch, wer die beiden in Aktion fotografiert, da Paparazza doch eigentlich im Verborgenen agieren.

Installationsansicht © Vitra Design Museum, Foto: Bettina Matthiessen
Ob sie nun als Paparazze, als Künstlerinnen oder – wie ich vorschlagen möchte: als feministische Architekturwissenschaftlerinnen – agieren: die Einblicke, die Lake Verea uns geben und die Fragen, die sie stellen, sind relevant. Denn die Stararchitekten des 20. Jahrhunderts waren eben keine Einzelkämpfer oder Genies und ihre Arbeiten sind Häuser, in denen Menschen leben und die der Realität, der Zeit und verschiedensten äusseren Einflüssen ausgesetzt sind und gleichzeitig selbst ihr Innenleben und ihre Umgebung beeinflussen – und nicht wie ihre Modelle in Sammlungen aufbewahrt oder in White Cubes ausgestellt werden.

Lake Verea fotografieren das Guy C. Wilson House (1939) von R.M. Schindler, Silverlake, Kalifornien. Paparazza Moderna Serie, 2011–2018 © Lake Verea

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