Redaktorin Rahel Marti und Redaktor Axel Simon haben etwas über die brennende Gegenwart gelernt.

Das B-Wort

Drei Tagungen rund um Baukultur: Die einen beschwören alte Visionen, die anderen betonen die gesellschaftlichen Dimensionen. Und der BSA regt den Diskurs an.

Was ist Baukultur? Wenn das jemand wissen sollte, dann die Institution, die das Wort im Namen trägt: die Stiftung Baukultur Schweiz. Zu ihrer ersten Jahrestagung lädt sie im November 2021 in die Semper-Aula der ETH Zürich. Den Eröffnungsvortrag hält eine Eminenz der Stadtbaugeschichte, Vittorio Magnago Lampugnani, emeritierter ETH-Professor. Sein erster Satz: Was Baukultur sei, das wisse er nicht. Es folgt eine Lehrstunde mit Filippo Brunelleschi und Ildefons Cerdà, Talent und Geschmack. In behaglicher, leicht sentimentaler Stimmung hören wir Geschichten über geniale Männer und darüber, wie sie vor hundert, zweihundert, sechshundert Jahren unsere Lebenswelt nach ihrem Ideal formten. Baukultur? Das Wort gab es damals noch nicht. Es gab Stadt, Architektur, Baukunst. Wer zu der von Gottfried Semper gestalteten Auladecke blickt, sieht in den dazugehörigen bürgerlichen Wertehimmel. Katrin Gügler weiss, was Baukultur ist. Die Stadtbaumeisterin von Zürich steht nach der Pause am Pult. Baukultur betreffe alles, was mit Raum zu tun habe; sie wandle sich ständig. In ihrem Vortrag geht es um Stadtklima und Netto-Null, Sozialräume und Mitsprache, Teamfähigkeit und Moderationskompetenz. Manche im Saal rutschen nervös auf ihrem Stuhl herum. «Früher war Städtebau ein Fachdiskurs», sagt sie, «heute ist es eine gesellschaftliche Disziplin.» Die Herren, die später auf dem Podium sitzen, vermissen bei Katrin Gügler eine «Vision». Und meinen damit Brunelleschi und Cerdà. Die Stadtstrukturen, wie sie genialen, längst toten Männern vorschwebten. Apropos Mitsprache und Moderationskompetenz: Das Publikum kommt während neun Stunden Tagung nicht zu Wort. Kolonialismus, Klimakrise, Kunsthaus Der Bund Schweizer Architekten ist seit über hundert Jahren eher ein Hort der Baukunst als einer der Baukultur. Kurz nach der Tagung in der Semper-Aula treffen sich BSA-Mitglieder aller Lande...
Das B-Wort

Drei Tagungen rund um Baukultur: Die einen beschwören alte Visionen, die anderen betonen die gesellschaftlichen Dimensionen. Und der BSA regt den Diskurs an.

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