Viele Ideen und kein Anfang
Im letzten Jahr können die Studierenden der ArchitekturWerkstatt St. Gallen das Thema ihrer Arbeit selbst wählen. Silas Meister berichtet, wie er zwischen Freiheit und Selbstverantwortung vorankommt.
Im letzten Studienjahr bekommen wir an der ArchitekturWerkstatt in St. Gallen keine Entwurfsaufgaben mehr gestellt. Jetzt gilt es, eine freie Thesis-Arbeit umzusetzen. Auf diesen Moment haben wir lange hingearbeitet und dennoch fühlt er sich jetzt unerwartet leer an. Plötzlich gibt es keine Vorgaben mehr, kein Thema, keine Fragestellung. Stattdessen die Erwartung, dass jetzt etwas Eigenes kommen muss.
Schon vor dem Start des Semesters füllt sich mein Notizbuch mit Ideen, Bildern, Textfragmenten und Erinnerungen. Alles scheint möglich, nichts wirklich überzeugend. Die Fragen sind weniger fachlicher als persönlicher Natur: Was interessiert mich wirklich? Was ist ein Jahr lang tragfähig? Was ist Neugier und was nur eine flüchtige Idee? Die Freiheit der Themenwahl zeigt sich weniger als Privileg, denn als Zumutung. Sie verlangt Selbstverantwortung, ohne eine Anleitung mitzuliefern.
Der Sommer wird zu einer Phase des Suchens. Ich sammle Themen und verwerfe sie, ich besuche Orte in Gedanken, beginne Texte zu lesen und lege sie wieder beiseite. Immer begleitet mich die Unsicherheit, ob das Thema zu gross, zu banal oder zu persönlich ist. Nur allmählich erkenne ich, dass diese Umwege kein Zeichen von Unentschlossenheit sind, sondern bereits Teil der Arbeit.
Zu Beginn des Semesters bringt die Themenvorstellung eine erste Klärung. In Absprache mit den Dozierenden kristallisiert sich mein Gegenstand heraus: Scheunen im Thurgau. Nicht als romantisierte Einzelobjekte, sondern als Bautypologie, die von Landwirtschaft, Handwerk, regionalen Bauweisen und stetigem Wandel geprägt ist. Der Entscheid ist gefällt, ein klarer Plan fehlt jedoch weiterhin. Wo fange ich an, wenn das Thema ebenso vertraut wie komplex ist?

Ich steige über die Geschichte ein: über die Siedlungsentwicklung im Thurgau, die Entstehung von Gehöften, über regionale Unterschiede und konstruktive Ursprünge. Ich untersuche Materialien und handwerkliche Prinzipien, um der Arbeit ein tragfähiges Fundament zu geben. Darauf aufbauend analysiere ich Typologien: Ordnungssysteme von Hof und Scheune, konstruktive Logiken, Nutzungszusammenhänge und Transformationsprozesse. Durch die Vergleiche erhalte ich erste Erkenntnisse und allmählich ein klareres Bild.
Gleichzeitig verändert sich mein Blick im Alltag. Ich nehme Scheunen nicht mehr beiläufig wahr, sondern lese sie bewusst, vergleiche und wähle sie aus. Aus der abstrakten Typologie wird ein konkretes Gebäude, eingebettet in seinen Ort. Ich entscheide mich, eine Stallscheune in Kreuzlingen als Entwurfsobjekt auszuarbeiten. Damit rückt der Kontext in den Fokus: das Quartier, die Geschichte des Gebäudes, das unmittelbare Umfeld. Ich setze mich mit möglichen Nutzungen und einem passenden Raumprogramm auseinander. Ich unterscheide, was wesentlich ist und was nicht, was hilft und was hindert.

Am Ende des Semesters habe ich noch keinen fertigen Entwurf und es fühlt sich an, als wäre ich wieder am Anfang. Allerdings an einem anderen. Rückblickend hat sich vieles zusammengefügt: ich habe mich fundiert mit der Bautypologie der Scheune im Thurgau auseinandergesetzt, meinen Blick auf Bestand, Kontext und Transformation geschärft, und ein konkretes Objekt als Grundlage für den nächsten Schritt ausgewählt.
Die freie Thesis war für mich weniger eine lineare Aufgabe, eher ein laufender Lernprozess. Mit dieser Grundlage wächst meine Vorfreude auf das kommende Semester. Auf das Einordnen, das Probieren, das Ringen mit den eigenen Ideen und auf ein Projekt in einem vielschichtigen Umfeld.
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* Silas Meister studiert im 7. Semester berufsbegleitend an der ArchitekturWerkstatt in St.Gallen