Die Grafikstudentin Nune Hovhannisyan hat eine Browser-Erweiterung entwickelt, die den User zum Ausruhen aufruft, – und aus den so entstandenen Gedichten ein Buch gemacht.
Browser-Erweiterungen sind sehr invasiv, das gefällt mir. Als wir im Rahmen des +Colabor-Moduls ‹Creative Coding› eine Web-Erweiterung erstellen sollten, wusste ich, dass ich eine sehr invasive Extension entwickeln wollte. Unser Thema war ‹Take a Break›. Wenn ein User meine Erweiterung namens ‹Rest, please› aktiviert, können aufgerufene Websites zunächst wie gewohnt genutzt werden. Nach einigen Minuten beginnt die Erweiterung, die Wörter der Website langsam in Sätze umzuwandeln, die den Nutzer davon überzeugen wollen, sich auszuruhen. Es gibt acht solcher Sätze, die den ursprünglichen Text in zufälliger Reihenfolge ersetzen. So sehen sie im Code aus:

Als ich mir die HSLU-Website ansah, die ich mit ‹Rest, please› verändert hatte, fiel mir plötzlich der Footer auf. Er forderte mich auf sanfte und poetische Weise dazu auf, eine Pause zu machen. Mir wurde klar, dass die Zeilenumbrüche in Web-Elementen oft formal Gedichten ähneln. So können die trockenen Informationen eines Footers oder eines Menüs je nach Inhalt zu einem bewegenden Gedicht werden.
Ich beschloss, denselben Code mit verschiedenen Wortgruppen zu verwenden. Für die Wortgruppen hatte ich keine strengen Regeln. Es konnten ganze Sätze oder einzelne Wörter sein. Ich habe sogar Gruppen aus einzelnen Buchstaben oder Satzzeichen verwendet, um den Textinhalt verschiedener Websites zu ersetzen. Statt Propaganda zum Ausruhen erhielt ich Web-Gedichte, die aus englischen Konjunktionen, Radiohead-Songtexten oder irregulären Verben bestanden.

Mir gefiel dieser Kontrast zwischen Webstrukturen und der darin enthaltenen Poesie, also beschloss ich, noch einen Schritt weiter zu gehen. Ich wollte daraus ein Buch machen. Ein echtes, physisches Buch mit Hardcover. Das Layouten des Buchs fiel mir leichter als das Programmieren, da Grafikdesign mein Hauptdisziplin ist. Auf den Doppelseiten des Buches platzierte ich die Gedichte an denselben Stellen, an denen ich sie auf den Websites gefunden hatte.
Mit jedem weiteren Schritt entfernte ich mich mehr Digitalität und Code und näherte mich mehr dem Materiellen, dem Analogen und dem Haptischen an. Wie geplant habe ich das Buch in einem Hardcover gebunden und es war bereit, während des Colabor-Festivals ausgestellt zu werden!
Mit diesem selbst gebundenen Gedichtband gingen der Code und ich eine interaktive Verbindung ein. Der Code versuchte, Gedichte zu schreiben, die weniger kohärent waren als die eines Menschen, während ich das Buch druckte, faltete, nähte und klebte, mit Ergebnissen, die weniger präzise waren als die einer Maschine.
Für Studierende nur 9 Franken im Monat – Jetzt Hochparterre abonnieren!
* Nune Hovhannisyan studiert im 5. Semester Graphic Design an der Hochschule Luzern, Design Film Kunst.










