Der Rauch im Seminarraum macht Luftströmungen sichtbar.

Mit Luft entwerfen

Im Modul ‹Constructive Research› an der ZHAW setzen sich die Architekturstudierenden mit Lüftungskonzepten aus unterschiedlichen Klimazonen auseinander. Jasmin Angst berichtet für den Hochparterre Campus.

Ich betrete den Seminarraum am Ende der Halle 180 und merke sofort: Die Luft steht. Während durch die grosse Halle ein angenehmer Luftzug geht, ist es hier heiss, stickig, ermüdend. Ich reisse das Fenster auf und merke, wie stark solche Situationen meinen Blick auf die Architektur prägen. Zwischen ästhetischem Anspruch und ökologischer Verantwortung frage ich mich: Wie entwerfen wir Gebäude, die nicht nur schön sind, sondern auch klimatisch sinnvoll funktionieren?

Daher begleite ich meine Studienkollegin Maria in das Wahlpflichtmodul ‹Constructive Research›, das sich genau dieser Frage widmet. Das Seminar vermittelt nicht nur theoretisches Wissen, sondern auch ein Gespür, was Räume tatsächlich tun. «Wir starteten mit etwas Rauch und lassen das Unsichtbare in Erscheinung treten», sagt Alexis Ringli, der die Veranstaltung gemeinsam mit Christian Meier entwickelt hat. Zu Semesterbeginn füllten die beiden den Seminarraum mit Nebel. Plötzlich zeigten sich Strömungen, die vorher niemand bemerkte: Luftbewegungen, Temperaturunterschiede und bauphysikalische Effekte wurden unmittelbar erfahrbar.

Zwischenkritik in der Halle 180 an der ZHAW.

Diese sinnliche Erfahrung war der Auftakt zu einer tieferen Auseinandersetzung. Nach dem Nebelversuch analysierten die Studierenden konkrete Projekte aus verschiedenen Klimaregionen. Die Zwischenkritik in der grossen Halle wirkte wie ein Realitätscheck: Lüftungskonzepte aus unterschiedlichen Klimazonen sind nur schwer direkt vergleichbar. Doch gerade das macht die Recherche spannend. Die Klasse ringt mit Fragen wie: Welche Massnahmen funktionieren langfristig oder wann ist Low-Tech sinnvoller als feinjustierte Technik?

Schlechte Luft steht exemplarisch für vieles, was im Bauwesen schlecht läuft: hohe Betriebsenergie, vernachlässigte Grauenergie, schlechte CO₂-Bilanzen. Viele Massnahmen des nachhaltigen Bauens sind bekannt, doch ihre Priorisierung und Einordnung für verschiedene Bauaufgaben bleibt schwierig. Ein Grund dafür ist, dass energiebewusstes Bauen auf bauphysikalischem Wissen, Materialkenntnissen, konstruktivem Verständnis und gezieltem Einsatz von Gebäudetechnik basiert. Die Studierenden lernen, diese Aspekte zu verknüpfen und zu erkennen, welche Massnahmen in welchem Kontext wirken.

Die Entwürfe der Studierenden werden im Windkanal getestet.

In Gruppen entwickeln sie eigene Konzepte, die aus den Gebäudeanalysen hervorgehen. Es sind räumlich entworfene Lüftungen, die Strömungen leiten, Puffer schaffen oder Temperaturverläufe nutzen. Die Ideen werden mit einfachen Rechenmethoden geprüft und in Modellversuchen im Windkanal getestet. Richtig gelesen: im Windkanal. So wird die Atmosphäre eines Raums zur entwerferischen Aufgabe, die sich messen, testen und weiterentwickeln lässt. Die Vorgehensweise verbindet physikalisches und technisches Wissen mit experimenteller Recherche.

Für mich und Maria verändert sich der Blick auf Architektur schlagartig, der stickige Seminarraum wird zum Lehrstück: Komfort ist keine Frage luxuriöser Systeme, sondern des Zusammenspiels von Form, Material und Klima. Entwerfen bedeutet heute, das Unsichtbare mitzudenken – zum Beispiel eben Luft. Gute Architektur beginnt dort, wo Gestaltung und physikalische Realität zusammenspielen, denn die feinen Prozesse entscheiden, ob ein Raum ermüdend oder erfrischend ist.


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