Herstellung von traditionellem Kalkmörtel in Form eines Mörtelkuchens durch das Schichten von Sand und Kalk. (Foto: Marina Bosch)

Mit Kalk und Kelle

In einem Workshop hat die Architekturstudentin Marina Bosch gelernt, wie Kalk entsteht und wie vielfältig der Baustoff eingesetzt wird. Für ‹Hochparterre Campus› berichtet sie von ihren Eindrücken.

Kalk begegnet uns tagtäglich unbewusst, er gehört zu den ältesten, zugleich eher unscheinbaren Baustoffen der Geschichte. Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Kalk das einzige Bindemittel für die Herstellung von Mörtel zur Erstellung von Bruchsteinmauerwerk, besass so eine zentrale Bedeutung in der Baukultur. Während seine Herstellung – das Kalkbrennen von Kalkstein im mit Holz befeuerten Kalkofen – und die Zusammensetzung zum Mörtel einfach und nachvollziehbar waren, ist bei den heutigen Industrieprodukten oft kaum mehr ersichtlich, welche Bestandteile tatsächlich enthalten sind. Den altbewährten Baustoff Naturkalk nicht nur theoretisch zu verstehen, sondern auch praktisch mit den eigenen Händen zu erforschen, war für mich der Anlass, am Praxisworkshop ‹Kalkwerkstatt Walz 4.0› teilzunehmen.

Calciumoxid (CaO) verbindet sich mit Wasser (H2O) zu Calciumhydroxid (Ca[OH]2).

Beim Kalklöschen reagiert Branntkalk durch die Zugabe von Wasser thermisch und wird zu Löschkalk. (Foto: Nora Martin)

Der Grundputz wird mit der Kelle gleichmässig auf Platten aufgezogen und möglichst eben geglättet. (Foto: Nora Martin)

Der Workshop fand Ende Februar 2026 im Werkhaus Freisitz (TG) in Kooperation mit dem Verein Kalkwerk statt und brachte Architekturstudierende der ZHAW Winterthur, der ETH Zürich und der Hochschule Konstanz mit Lernenden aus dem Gipserhandwerk zusammen. Unter der Leitung von Maurin Bisig – er ist gelernter Maurer und Handwerker in der Denkmalpflege – und Philip Kaiser vom Verein Kalkwerk durchliefen wir Schritt für Schritt den Entstehungsprozess einer Putzoberfläche. Das Kalklöschen war gleich zu Beginn ein Spannungsmoment. Just im Augenblick, als Wasser auf die bröckeligen Stücke Branntkalk traf, hörten wir Zischen und Knistern als Zeichen rasch entstehender Hitze. Aus den verfallenden Kalkklumpen stieg eine weisse Dampfwolke auf und ein mineralischer Geruch stach in die Nase – Calciumoxid (CaO) verband sich mit Wasser (H2O) zu Calciumhydroxid (Ca[OH]2). Wir lernten historischem Mörtel und Kaseinleim-Grundierung anzumischen und erprobten verschiedene Putzaufbauten. Besonders eindrücklich waren für mich die handwerklichen Kniffe für die Sgraffito-Kratztechnik: Damit klare Kanten entstehen, muss die Oberfläche anziehen, aber noch formbar sein; zu frühes Verarbeiten verschmiert den Putz, wird er zu spät bearbeitet, brechen die Kanten aus.

Bereitgestellte Werkzeuge und Materialien für die Ausführung der Gipserarbeiten. (Foto: Marina Bosch)

Sgraffito-Kratztechnik mit traditionellem Engadiner Ornament, bei der durch Auskratzen der oberen Kalkmilch die untere Putzschicht freigelegt wird. (Design und Foto: Marina Bosch)

Die im Workshop entstandenen Kalkarbeiten (Foto: Nora Martin)

Während die Studierenden Fragen zur Nachhaltigkeit einbrachten, verfügten die Handwerkslernenden über Materialgefühl und praktische Routine. Im gemeinsamen Arbeiten entstand ein Dialog. Planung und Ausführung erschienen nicht mehr als getrennte Bereiche, sondern als verflochtener Prozess – ein Ansatz der heute auf den Baustellen kaum gelebt wird.

Um das zu ändern, wurde das Forschungsprojekt ‹Walz 4.0 – Handwerk und Hochschule gestalten gemeinsam die Zukunft des Bauens› initiiert. Es vernetzt im Rahmen des EU-Förderprogramms Interreg Alpenrhein-Bodensee-Hochrhein Hochschulen, Handwerksverbände und Unternehmen. Beteiligt sind unter anderem das Institut Konstruktives Entwerfen der ZHAW in Winterthur und die Denkmalstiftung Thurgau. Das Projekt will ein zukunftsfähiges Bildungsmodells entwickeln, das traditionelles Handwerk mit heutiger Hochschullehre und digitaler Technologie verbindet.

Der Workshop wurde für mich zu einer Rückbesinnung auf den Kalk als Naturgut, auf traditionelle Techniken und alte Baumaterialien. Er erinnerte mich daran, welch hohen Stellenwert sachkundiges Handwerk besitzt, das von Sorgfalt und überliefertem Wissen getragen wird. Für mich hat die Kalkwerkstatt gezeigt, wie ‹Walz 4.0› die traditionelle Idee der Wanderschaft in einen zeitgemässen Kontext überführt, bei dem Wissen zwischen Handwerk und Hochschullehre zirkulieren kann.

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