Was geschieht, wenn der Körper selbst zum Material wird?

Kunst, Vermittlung und Körper

Eliane Bähler erforscht in ihrer Masterarbeit an der HGK Basel, was ästhetische Körperpraxis in der Kunstvermittlung leisten kann. Sie berichtet im Hochparterre Campus.

Unser Körper begleitet uns ein Leben lang. Rund um die Uhr sind wir mit ihm und durch ihn in der Welt verortet. Er ist Blicken ausgesetzt und Normen unterworfen und somit eine Projektionsfläche für gesellschaftliche Vorstellungen von Geschlecht, Macht und Leistung. Der Körper ist politisch und privat zugleich, öffentlich sichtbar und dennoch unglaublich intim.

In meiner künstlerischen Praxis habe ich mich mit Textilien als Kleidung beschäftigt. Dabei interessierte mich die Nähe und Distanz von Körpern – das Spannungsfeld zwischen Subjektivität und Kollektivität, das Kleidung mit sich bringt. In meiner Masterarbeit im Studiengang ‹Vermittlung in Kunst und Design› an der HGK Basel blicke ich unter die Hülle auf den eigenen Körper und frage: Was geschieht, wenn der Körper selbst zum Material wird?

Der eigene Körper ist eines der ursprünglichsten Interessen des Menschen und der Kunst. Gleichzeitig ist er ein sensibles und schambehaftetes Terrain. Besonders deutlich wird dies im Jugendalter, wenn sich der Körper verändert, beobachtet und beurteilt wird. In Kombination mit der starken Präsenz von Körperidealen in digitalen Bildwelten scheint mir der Körper bereits im jungen Alter ein relevantes Thema zu sein. 

Im schulischen Kontext wird diese Thematik oft umgangen. Körper spielen im Bildungssystem meist eine untergeordnete Rolle. Sie treffen morgens ein, setzen sich auf Stühle und sollen möglichst still funktionieren. Gerade der Kunstunterricht bietet jedoch das Potenzial, den Körper als Medium für erfahrungsbasierte Erkenntnisse zu nutzen. Zeitgenössische künstlerische Positionen zeigen, wie vielfältig körperliche Praktiken für die Wissensproduktion eingesetzt werden können. Sie öffnen Zugänge, um den Diskurs über Körperlichkeit in den Unterricht zu bringen, ihn zu verorten und verhandelbar zu machen. 

Das Durchlaufen bewusster körperlichen Handlungen sehe ich dabei als grundlegend für den ästhetischen Bildungsprozess. Denn dieser kann nur durch eine eigene körperliche Erfahrung entstehen, er fordert eine gewisse Selbstreflexion. Aus diesem Grund fokussiere ich mich auf meine eigene ästhetische Forschung, bevor ich mich in eine Vermittlung mit einer Schulklasse begebe. Ich rücke meinen Körper ins Zentrum und untersuche ihn durch Posen, Materialien, Räume und Selbstinszenierungen. Dabei wird er zum Material, das untrennbar mit meiner Subjektivität und einem äusseren Gefüge verbunden bleibt. Dieses Spannungsfeld zwischen Subjekt und Objekt bildet den Kern meiner Arbeit.

Momentan arbeitete ich mit der Kamera, mit Textilien und Objekten. Es gab Momente der Ratlosigkeit, der Scham, des Zweifels. Wie sehe ich aus? Wie wirkt diese Arbeit auf Aussenstehende? Diese Unsicherheiten sind Teil der Forschung. Genauso wichtig ist mir aber auch, den Spass und das Spielerische nicht zu vernachlässigen.

Unterstützung suche ich in meiner theoretischen Recherche. Durch die Positionen von Lauren Elkin, Yayoi Kusama, Adrian Piper, Hannah Wilke und Cindy Sherman, die den eigenen Körper einsetzen, erarbeite ich mir ein Repertoire, um meine Arbeit weiterzuentwickeln. 

Es ist nicht meine Absicht in dieser Masterarbeit abschliessende Antworten zu geben. Sie ist viel mehr als Versuch zu verstehen, die Relevanz ästhetischer Körperpraktiken im Spannungsfeld zwischen Subjekt und Objekt sichtbar zu machen und den Mut einzufordern, sich als Vermittler:in herausfordernden Themen zu stellen. Für die Kunstvermittlung sind solche Prozesse relevant, weil sie das Lernen zu einem Erfahrungsraum machen, in dem gesellschaftliche Themen befragt werden können.


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