Drei der vier Hardau-Türme, analog fotografiert.

Gespräche im 25. Stock

Die ZHdK-Studentin Lena Hohl zeigt in ihrem Kurzfilm, wie eine ungewöhnliche Freundschaft in einer der grössten Wohnsiedlungen der Stadt Zürich entsteht.

Warum hast du dich für das Studium im Bachelor Major Cast/Audiovisual Media entschieden?
Lena Hohl*: Ich interessierte mich schon immer für Video und Animation und absolvierte eine Lehre als Interactive Media Designerin. Danach wollte ich eigentlich Film studieren, das Thema Design aber nicht aus den Augen verlieren. Das Studium bei Cast ist sehr breit angelegt und spricht mir zu: im Zentrum stehen journalistische Ansätze, die mit Text, Film, Audio oder Animation umgesetzt werden.

Dein Kurzfilm ‹Freundschaft kann immer passieren› ist im laufenden Semester entstanden. Wie lautete die Aufgabenstellung?
Das Modul heisst ‹Audio-Slideshow› und unsere Aufgabe war es, mittels Fotografie und einer Audiospur eine Person zu porträtieren. Wir sollten diese Person in der Überbauung Hardau II in Zürich finden.

Die Waschküche, in der sich David und seine Nachbarin kennenlernten.

Auf Davids Balkon im 25. Stock fanden viele Gespräche statt.

Wie bist du an die Aufgabe herangegangen?
Erst musste ich eine Person finden, die sich porträtieren lassen wollte, was sich als schwierig herausstellte. Ich komme nicht aus Zürich, mir fehlten deshalb die Kontakte. Den Protagonisten David vermittelte die Mutter eines guten Freundes. Ich war erst unsicher, ob ich bei ihm eine spannende Geschichte finden würde. Im ersten Gespräch erfuhr ich dann von seiner ungewöhnlichen Freundschaft mit einer älteren Nachbarin. Darauf folgte ein zweites Interview, in dem ich den Fokus auf diese Freundschaft legte. Danach machte ich die Fotos. Insgesamt sind 800 Fotos und 2 Stunden Audiomaterial entstanden, wovon ich eine kleine Auswahl in ein fünfminütiges Video packte.

Was an dieser Freundschaft ist ungewöhnlich und wie hat sich das auf den Film ausgewirkt?
Es ist eine Geschichte aus dem Alltag. Ich wollte der Frage nachgehen, wie sich eine Freundschaft zwischen zwei Personen, die auf den ersten Blick nicht viel miteinander zu tun haben, entlang von Gemeinsamkeiten und Differenzen entwickeln kann. Typisch ist vielleicht das Kennenlernen in der Waschküche, oder dass David seiner älteren und kranken Nachbarin bei Besorgungen hilft. Im Film sagt er aber auch, dass seine Nachbarin von der Haltung her jung geblieben sei, während er sich selbst manchmal wie ein alter Mann in einem jungen Körper fühle. Die Rollen, die wir uns als typisch vorstellen, können also auch vertauscht sein. In Bezug auf politische oder gesellschaftliche Fragen gab es sicher grössere Differenzen und David hatte nicht immer die Geduld, sie auszudiskutieren.

Die zweite Protagonistin deines Films ist die Wohnsiedlung Hardau II mit den vier roten, stadtbekannten Türmen. Wie hast du dich ihr angenähert?
Ich kannte das Viertel zuvor nicht. Davids Wohnung liegt im 25. Stock, was ich ziemlich cool fand. Er erzählte, dass es einen grossen Mix von unterschiedlichen Personen gibt, der Umgang friedlich ist und man sich trotz der Grösse der Gebäude selten allein fühlt, aber viele halt trotzdem einsam sind. Auch seine Nachbarin suchte nach einer Nähe, die ihr sonst fehlte. Während der Recherche und später beim Fotografieren sind mir wiederum Details aufgefallen, die auf Gemeinschaftlichkeit hindeuten. Beispielsweise werden nicht mehr gebrauchte Dinge rausgestellt, damit andere sie mitnehmen können. Auf den Bänken vor den Türmen sitzen oft Menschen zusammen, vertieft in Gesprächen.

In der städtischen Wohnsiedlung Hardau II leben viele Menschen nah beieinander und sind doch oft einsam.

Die Hardau-Türme bei Nacht.

Deine Aufgabe war es unter anderem, die Geschichte über Fotografien zu erzählen.
Ich hatte dadurch viel Freiheit und konnte Dinge ausser Acht lassen, die beim Filmen wichtig gewesen wären. Es fühlte sich einfacher an. Durch die vielen Fotografien konnte ich im Schnitt experimentieren. Es entstand ein eigener Rhythmus anhand von Bildern, die oft symbolisch die Verbindung zu dem herstellen, was im Interview gesagt wird. Das Publikum soll Raum für eigene Interpretationen haben.

Welche Rolle spielt das Sounddesign?
Sound habe ich reduziert und punktuell eingesetzt. Wir hören das Klingeln an der Tür, das Ticken einer Uhr oder das Rauschen einer Waschmaschine. Die Aussenszenen sind mit Ambient Sound wie Autogeräuschen untermalt. Sie strukturieren die Erzählung, schaffen Pausen oder weisen auf Details hin. An manchen Stellen wird das Gesagte unterstrichen. 

Was ist die Kernbotschaft deines Films?
Mit meinem Film will ich die Bedeutung gesellschaftlichen Zusammenhalts aufzeigen und dass es sich lohnt, im Gespräch zu bleiben. Ich habe das Gefühl, dass viele Menschen für sich sind und für sich selbst schauen. Auch ich muss und will in der Hinsicht an mir arbeiten. Es ist wichtig, die anderen nicht zu vergessen. Anfangen kann es damit, dass man jemandem hilft, wie auch David seiner Nachbarin geholfen hat. Daraus kann sich eine Beziehung entwickeln die beiden Freude bringt, von der beide etwas lernen können. Vor allem wenn es sich um Menschen handelt, die in mancher Hinsicht nicht zueinander zu passen scheinen.

Der Kurzfilm ‹Freundschaft kann immer passieren› von Lena Hohl


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