Auf dem Campus der CEPT-University

Fülle an Farben und Ornament

Jan Fischer hat die ArchitekturWerkstatt St.Gallen für ein Semester gegen die CEPT-University in Ahmedabad getauscht. Im Campus berichtet er von seinen Eindrücken und Erfahrungen in Indien.

Die CEPT-University im indischen Ahmedabad ist die neuste Partneruniversität der ArchitekturWerkstatt St.Gallen. Ich habe das grosse Glück, als Austauschstudent dort ein Semester lang zu studieren. Es ist ein Glück auf vielen Ebenen: die Kultur, die Dichte von allem – das permanente Grundrauschen von Klängen, Gerüchen und Bildern, das einen überflutet. Doch man groovet sich ein, schwingt mit in der Intensität des hiesigen Lebens. 

Ein Beispiel: Auf dem schönen Campus, reich an moderner Architektur und subtropischer Vegetation, sitzt ein Hund, in sich ruhend wie die hinduistische Gottheit im benachbarten Tempel. Einen Moment später rieseln Fruchthülsen aus den Bäumen über mir, und ich höre leises Knacken. Eine Affenhorde klettert durch die Bäume, am Himmel kreist ein riesiger Schwarm Schwarzmilane. Im selben Moment erwacht die Gottheit. Das Rudel Campushunde folgt ihr. Die Hunde geniessen die spielerische Jagd, die Affen zeigen sich wenig beeindruckt, knacken weiter ihre Früchte und ziehen über das Gebäude der Architekturfakultät zum nächsten grossen Baum. 

Ein Blick in das ehemalige Watson’s Hotel in Bombay, das Objekt unseres Entwurfssemesters

Einzug des Bräutigams bei einer Hochzeit im benachbarten Rajasthan

Derweil haben indische Kommiliton*innen mein Beobachten beobachtet, scharen sich um mich, und ein Gespräch über das Studierendenleben in der Schweiz, in Indien, über Architekturen, Philosophien, Mahatma Gandhi und Indiens Freundschaft mit Russland dehnt sich aus über das leckerste Mensa-Essen, das man sich vorstellen kann, in den Nachmittag hinein, bis wir uns in unser Studio begeben.

Kurz nach ‹Indian Standard Time›, also rund zehn Minuten nach der genannten Zeit, kommen unsere Professorin, ihr Assistent und die weiteren Student*innen hinzu. Die Diskussionen über die Entwürfe sind intensiv. Es geht um ein konkretes ‹Adaptive Re-use›-Projekt in Bombay. Das Setting ist ähnlich wie in der Schweiz: neben verschiedenen Kursen arbeiten, besprechen und verfeinern wir im Hauptfach die Entwürfe in Wochenschritten. Bereichert wird unser Tun durch Referate und Vor-Ort-Analysen. Die Professorin und der Assistent betreuen acht Studierende. Ihre Unterstützung ist hervorragend, wie an der ArchitekturWerkstatt in St.Gallen, nicht nur zahlenmässig, sondern auch im Tiefgang der Diskussionen. 

Als mich die Mitstudierenden beim Mittagessen fragten, was im Studium hier anders sei als in der Schweiz, fiel mir als erstes auf, dass es hier in gewisser Weise intellektueller zu und her geht. Wir lesen viel, präsentieren und diskutieren das Gelesene und schreiben ein Manifest, das erklärt, wie wir unseren Entwurf angehen wollen und vor allem warum. «Why?» ist die häufigste Frage der Professorin, und das tut gut. Unsere Entwürfe suchen täglich nach Wurzeln im bestehenden Gebäude, in der Umgebung und in uns selbst. Wir werden ermuntert, unser Manifest laufend zu ergänzen und zu schärfen. Die Positionen werden dabei immer persönlicher. Im Studio wird viel skizziert und gezeichnet, ich lerne auf allen Ebenen.

In der Altstadt von Ahmedabad

Eingang in einen hinduistischen Tempel des Affengotts Hanuman

Mit vertiefter Architektur- und Selbstkenntnis schlängle ich mich am Abend per Fahrrad durch den Strom der Motorräder nach Hause, geniesse das vielfältige Menu in meinem Lieblingsrestaurant ‹Krishna› und falle satt und erfüllt ins Bett. Es ist Winter, bei angenehmen 25 Grad. 

Ich denke zurück an das Gespräch in der Mensa – ob mich Indien in meiner ästhetischen Wahrnehmung schon beeinflusst habe – ich denke, ja. Es mag dem Schweizer Auge zu viel sein: die Fülle an Farben und Ornament, im Tempel wie im Tragwerk der Fussgängerbrücke, in den Bildnissen der Gottheiten, in der Hindi-Schrift, in den Turbanen der Männer auf der Hochzeit im benachbarten Rajasthan, in der Stickerei auf den leuchtenden Saris, welche die Strassenarbeiterinnen – überwiegend Frauen der untersten Kaste – in beeindruckender Würde und Sauberkeit im Dreck der Leitungsgrube tragen. 

Diese ästhetische Überfülle empfinde ich als pur schön. Als wäre ein Manifest dafür geschrieben worden, entspricht sie der tausend Jahre alten indischen Kultur, die mich in ihrer Lebendigkeit sehr berührt. 

Es gibt auch andere Ästhetiken: zum Beispiel die Bauten von Balkrishna Doshi, dem Corbusier-Schüler, Pritzkerpreisträger und Gründervater der CEPT-University. Trotz der modernen Reinheit ihrer Formen und Materialien, strömen auch sie einen Ideenreichtum und eine Lebendigkeit aus, die das Treppengehen zum Erlebnis macht. In einem Interview erzählte Doshi wie er als Mitarbeiter Le Corbusiers die Bewohner einer Villa fragte, was sie sich wünschen: Die Kinder plädierten für eine Rutsche aus ihrem Zimmer direkt in den Pool. Sie wurde gebaut. 

Indien ist ein Land der übervollen Vielfalt und Widersprüche, das – so denke ich gerade – jedem Menschen das eigene Innere widerspiegelt, wenn man sich mit genügend Zeit und Energie darauf einlässt. Ein zentraler Begriff in meinem Manifest ist ‹Playfulness›. Ich sehe hier überall lebendiges Spiel, im Tempelzeremoniell wie in Doshis Entwürfen.

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Kommentare

Til 29.03.2026 21:25
Respektvoll beobachtet und berührend beschrieben.
Lorenz 25.03.2026 16:30
Es freut mich, deine Eindrücke hier zu lesen!
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