Ist es wirklich nötig, noch mehr hinzuzufügen? Fotos: Selektiv Studio

Fragen als Gestaltungskraft der Innenarchitektur

Zum Semesterstart stellt sich die Studentin Sophia Caluori, inspiriert von einem Vortrag des Architekten Özgür Keles, grundlegenden Fragen zur Gestaltung in der Innenarchitektur.

Wo fang’ ich überhaupt an? Eine Frage, die ich mir zu Beginn eines jeden Projektes stelle. Was sind die wichtigsten Aspekte und was sind die richtigen Fragen, die ich mir stellen sollte? Für Innenarchitekt*innen und Innenarchitekten ist es entscheidend zu lernen, wie sie die richtigen Informationen sammeln können.

Ich bin nicht die Einzige, die diesen Fragen nachgeht. Der Architekt Özgür Keles vom Zürcher Büro Selektiv Studio sprach in seinem Vortrag zum diesjährigen Semesterstart am Institut Innenarchitektur der Hochschule Luzern über ‹Fragen als Gestaltungskraft›. Keles stellte die Leitfragen vor, die ihm und seinem Team helfen, den Fokus ihrer Arbeit zu schärfen. 

Er eröffnete seinen Beitrag mit der Frage, wie sich die Identität eines Auftraggebers in Architektur übersetzen lässt. Ziel müsse es sein, eine räumliche Sprache zu finden, in der die Essenz eines Kunden spürbar wird, idealerweise schon beim ersten Eindruck. Die Atmosphäre eines Raums sei mit der Zielgruppe eng verknüpft. Die Architektur richte sich immer an bestimmte Menschen und nur wenn klar sei, wer angesprochen werden soll, könne eine passende Stimmung entstehen.

In meiner eigenen Praxis erlebe ich, dass sich diese Identität weniger durch formale Analyse als durch genaues Zuhören erschliesst: durch Gespräche, durch die richtigen Fragen, um zu erfassen, was einem Auftraggeber wirklich am Herzen liegt. Erst daraus lässt sich meines Erachtens ein Kern herausfiltern, der im Raum sichtbar werden kann. Ein Raum, der keine Emotion auslöst, scheitert. Starke Entwürfe sind selten für alle gedacht, sie mögen ein kleineres Publikum haben, ziehen dafür aber genau jene Menschen an, für die sie gemacht sind.

Besonders spannend fand ich, dass Özgür Keles den gewohnten Ablauf des Entwerfens infrage stellte. Statt vom Grundriss auszugehen und Elemente darin zu platzieren, schlug er vor, einen Raum von einem ausgewählten Fokus aus zu gestalten, wobei ein spezifisches Element zum Herzstück wird. Darin sehe ich eine wirkungsstarke Methode, um einem Entwurf Richtung und Sinn zu geben: Wenn ein Raum um ein Zentrum herum entsteht, wirkt er nicht nur stimmiger, sondern auch bewusster gestaltet. 

Der Designprozess ist für mich nicht immer offensichtlich. Oft stellt sich die Frage, was einen Raum bereichern kann und welche Idee dadurch verstärkt wird. Özgür Keles betonte, dass Reduktion genauso kraftvoll sein kann wie Addition, weil sie den Blick auf das Wesentliche lenke, auf den Kern einer Botschaft. Was mich daran besonders beschäftigt, ist der Gedanke, im Entwurfsprozess bewusst einen Schritt zurückzutreten und zu fragen, ob es wirklich nötig ist, noch mehr hinzuzufügen. Wenn ein Konzept stark genug ist, können zusätzliche Elemente eher ablenken als bereichern, sodass seine Klarheit verloren geht. 

Keles betonte, wie wichtig es sei, den Kontext eines Raumes zu verstehen, um mit Konsequenz gestalten zu können. Das Bewusstsein für die Herkunft,den Ort und die historische Bedeutung eines Gebäudes, so seine Haltung, könne als Leitlinie dienen, um «räumlich und gesellschaftlich bewusste» Räume zu schaffen. Ich sehe hier eine Möglichkeit, Geschichte lesbar zu machen: Wenn Designelemente diese Hintergründe übersetzen, entsteht eine Gestaltung, die über das rein Formale hinausgeht und eine tiefere Bedeutung trägt.

Abschliessend sprach Özgür Keles vom Mut, die Sicherheit des Einfachen und Gewohnten zu verlassen und neue Wege zu wagen. In einer Welt, in der vieles standardisiert, massenproduziert oder abgeschwächt wird, erscheint mir dieses Ausbrechen wichtig. Nur so entstehen Innovation, neue Perspektiven und ein bewussterer Umgang mit Materialien und Techniken.

Also, wo fang’ ich an? Es gibt unzählige Wege, ein Projekt anzugehen. Wichtig dabei ist es, seinen Kern zu verstehen – also die Botschaft, die wir vermitteln wollen oder die Fragen, die wir aufwerfen möchten. Das Ergebnis sollte sich wie ein Gespräch zwischen Raum und Mensch anfühlen, wie eine Erzählung, hinter die ein Punkt gesetzt wird. Wir Innenarchitekt*innen stellen die Fragen, damit die Besucher es nicht tun müssen.

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