Die Geburt neu gestalten
Bruna Ideias untersucht in ihrer Masterarbeit, wie gebärende Frauen durch räumliche Gestaltung mehr Selbstbestimmung erfahren. Ihre Forschung verbindet Empathie, Materialstudien und Co-Design mit Hebammen.
Ich war schon immer eine Beobachterin. Wenn ich mein Studium in ‹Equipment Design› an der Faculdade de Belas-Artes in Lissabon zurückblicke, wird mir klar, dass mich stets beschäftigt hat, wie andere Menschen die Welt erleben. Design ist für mich eine Übung in Empathie – der direkteste Weg, den ich kenne, um die Kluft zwischen meiner eigenen Realität und der eines Fremden zu überbrücken. Als ich mich für das Masterstudio Industrial Design an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Basel entschied, suchte ich genau diese Freiheit: Materialien und Konstruktionen in den Werkstätten zu erforschen und gleichzeitig eine präzise, fundierte theoretische Auseinandersetzung zu führen.
Forschung entsteht
Zu Beginn meiner Masterarbeit fühlte ich mich in einem Meer von Interessen verloren. Um meinen Fokus zu finden, musste ich mich mit meinen eigenen tief verwurzelten Ängsten auseinandersetzen – insbesondere im Kontext von Schwangerschaft und Geburt. In Portugal sind die Nachrichten oft bedrückend: Entbindungskliniken schliessen, werdende Mütter müssen lange, angstvolle Fahrten unternehmen, während sie schon in den Wehen liegen. Diese Schlagzeilen spiegeln sich in den Geschichten der Frauen wider, die mir nahestehen. Sie berichten nicht nur vom körperlichen Schmerz, sondern auch vom Unbehagen in sterilen Krankenhäusern und vom Gefühl, lediglich «behandelt» zu werden. Der scharfe Gegensatz zwischen dem Glück einer Geburt und der Erinnerung, sich respektlos oder wie eine Nummer gefühlt zu haben, hat mich tief getroffen. Ich fragte mich, wie etwas so etwas Reines wie eine Geburt mit einem solchen Mangel an Selbstbestimmung einhergehen kann.

Dies führte mich zum Thema der klinischen Inszenierung der Geburt. Meine Kritik richtet sich nicht gegen das Kreissaalbett an sich; es ist ein hoch entwickeltes Gerät und unverzichtbar bei Komplikationen. Das Problem liegt in seiner Rolle als räumlicher und psychologischer Standard. Wenn ein Raum von einem Bett dominiert wird, verändert sich die innere Haltung. Ein Bett lädt zum Hinlegen ein, es signalisiert Ruhe und Passivität – was für eine Gebärende oft nicht förderlich ist. Selbst moderne Modelle mit verschiedenen Positionen regen visuell kaum zur Nutzung der Schwerkraft an, da sie immer noch die Rückenlage nahelegen. Indem das Bett ins Zentrum rückt, wird subtil eine Haltung gefördert, die physiologisch suboptimal sein kann und potenziell zu längeren Wehen führt sowie zum Gefühl, eher verwaltet zu werden als aktiv teilzunehmen.
System statt Objekt
Mein Masterprojekt befindet sich derzeit noch in einer frühen Phase. Ich untersuche, wie man sich von den oft verstreut eingesetzten Hilfsmitteln – wie dem einsamen Pezziball oder dem Hocker – lösen könnte. Stattdessen schlage ich ein modulares Designsystem vor, das die räumliche Dynamik des Geburtssaals neu definiert. Durch warme Farbtöne, weiche Kurven und natürliche Materialien erforsche ich, wie Möbel den Körper auf Bewegung und Vertikalität vorbereiten können. Ziel ist es, der Mutter die Autonomie zu geben, ihre Erfahrung im eigenen Tempo zu gestalten. Meine Arbeit wird dabei von einer zentralen Frage geleitet: Wie kann ein modulares System klinische Standards durch Interventionen ersetzen, die die physiologischen und psychologischen Bedürfnisse einer natürlichen Geburt unterstützen?
Ein solches Design kann nicht im luftleeren Raum entstehen. Deshalb befinde ich mich in einem Co-Design-Prozess mit zwei Hebammen, deren Erfahrung von unschätzbarem Wert ist. Ein funktionierendes System muss Harmonie zwischen dem Bedürfnis der Mutter nach Geborgenheit und dem Anspruch der Hebamme auf direkten Zugang schaffen. Mein nächster Schritt wird sein, mit Müttern zu sprechen, um die psychologische Lücke zwischen dem Krankenhaus und dem intimen Umfeld zu verstehen.
Ich versuche nicht, ein einziges perfektes Objekt zu entwerfen. Geburten sind so vielfältig wie die Menschen, die sie erleben. Mein Ziel ist es, eine Plattform zu schaffen, die individuelle Erfahrungen ermöglicht und untersucht, ob die richtige Umgebung die gebärenden Frauen ermutigen kann, ihrer eigenen körperlichen Freiheit zu vertrauen.
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*Bruna Ideias absolviert zurzeit ein Master-Studium im Masterstudio Industrial Design an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel FHNW.