Vision der Architekturschule von Morgen. (Foto: Baubüro - ein selbstorganisiertes Semester am Departement Architektur der ETH Zürich, 2018)

Was macht den Lernraum aus?

Der Fernunterricht ist aufgehoben, die Studierenden kehren ans Departement Architektur der ETH zurück. Sie fordern eine Mitspracherecht, wenn es um die Gestaltung ihrer Arbeitsräume geht.

Lieber Campus,

Wir vermissen dich. Deine Wände voller Skizzen, Axonometrien und Fotografien. Deine hohen Räume zum Bauen von Modellen, recherchieren und präsentieren. Du bist die Plattform, wo wir uns am liebsten und so einfach austauschen. Du erlaubst Zufälle und Spontanität, weil du grosszügiger bist, als alle digitalen Räume. Ein wahrer Raum, um gemeinsam zu diskutieren und zu lernen. Du bist unsere Treppe der Schule von Athen.

Deine Architekturstudent*innen.


Die durch Corona erzwungenen Digitalisierungsmassnahmen mögen sich für manchen Studiengang als längst überfälligen Schritt in einen zeitgemässen Unterricht erwiesen haben. Unser Urteil als Architekturstudent*innen fällt verhaltener aus. Unter normalen Umständen hätten wir unseren Platz an der ETH nicht einfach so gegen den digitalen Raum eingetauscht. In der Pandemie jedoch blieb eine kontroverse Diskussion zu dieser Umstellung aus. Um das Beste daraus zu machen, spekulierten wir über neue Formen des Entwurfes und unbekannte Möglichkeiten der Digitalisierung. Nachdem die anarchistischen Züge der ersten ‹Zoom-Conference› verschwanden, machte sich Ernüchterung breit. Wir sehnten uns nach den alten Freiräumen und Grenzen. Mit der Aufhebung des Fernunterrichts fragen wir uns, was die ‹learning spaces› der Architekturstudent*innen ausmacht.

Wenn wir nun an den Campus zurückkehren, künden Bauvisiere das seit längerem erwartete Verschwinden der weissen Pavillons an. Als Provisorien konzipiert, wurden sie für uns und viele andere Architekturstudent*innen der letzten 34 Jahre zu den beliebtesten Atelierplätzen. An gleicher Stelle entsteht ein für die ETH wichtiges Physikgebäude. Die Pavillons fanden einen Abnehmer, zur Zeit sei die Finalisierung der vertraglichen Bestimmungen im Gange. Als Bauwerke bleiben sie so vorerst erhalten, doch die Räume verschwinden an der ETH. Für uns Architekturstudent*innen wurden im HIL-Gebäude Atelierflächen geschaffen, womit die verlorene Quadratmeterzahlen exakt ersetzt werden. Verschwunden sind hingegen die ausgezeichneten Lichtverhältnisse, der Bezug zum Aussenraum, die Möglichkeit Fenster zu öffnen und die angenehmen Raumproportionen.

Die Gestaltung und Aufteilung der Arbeitsräume findet heute keineswegs über einen partizipativen Prozess statt, der die Student*innen erreicht. Das erkennt man an in den Nacken gelegten Köpfen, die spekulierend die Visierstangen über den Pavillons betrachten. Der Grund dafür liegt in den Strukturen der ETH selbst. Gebaut wird von der ETH im Auftrag des Bundes. Die Kompetenz für Raumfragen und Raumzuteilungen liegen beim Schulleitungsbereich für Infrastruktur. Die einzelnen Departemente sind in ihrer Rolle als Nutzervertreter involviert. Sie melden Raumbedarf an und bekommen Flächen zugewiesen. Eigene Räume entwerfen oder bauen liegt nicht in der Kompetenz der Departemente, auch nicht im Departement Architektur. Aus der Diskussion während einer Departementskonferenz im Dezember 2014 entwickelte sich die Idee eines ‹Baukollegium›. Der Vorschlag an den damaligen Vizepräsidenten für Personal und Ressourcen verhallte jedoch vorerst ungehört.

Die Pandemie stellt räumliche Fragen und Fragen zur Digitalisierung der Lehre. Für das D-ARCH gibt es kaum einen besseren Zeitpunkt eine solche Kommission einzurichten als jetzt. Die Rückkehr auf den Campus kann als Anlass genommen werden, um über unsere Arbeitsräume nachzudenken.

Was vermissen wir nach eineinhalb Jahren Home-Office? Es sind nicht nur die physischen Räume, sondern besonders die Gemeinschaft, die sich darin abspielt. Das kollektive Wissen muss wieder kultiviert werden. Die den Atelierräumen inhärente Kommunikationskultur ist die Grundlage von guten Entwurfsarbeiten, partizipatorischen Prozessen oder Initiativen, die über das Ausfüllen einer digitalen Umfrage hinausgehen. An einem gemeinsamen Ort kommen unerkannte Fragen auf und es wird klar, ob Bedürfnisse geteilt werden und ob wir dabei Individuen oder eine Gemeinschaft sind.

Im Sinne dieses kollektiven Wissens wollen wir hier unsere räumlichen Ansprüche an gute ‹learning spaces› formulieren. Wir brauchen grundlegende Infrastrukturen wie Tische, Stellwände, Steckdosen, Internet und Drucker, gut ausgestaItete Werkstätten mit sinnvollen Materialflüssen und eine physische Bibliothek. Die architektonischen Ansprüche sind aber vor allem: viel Platz, Licht, frische Luft und unprogrammierter Raum - frei für Austausch und Aneignung an dem sich eine Gemeinschaft während eines Semesters einen eigenen Ort schaffen kann.

* Die Autor*innen sind Mitglieder von Architektura, dem Fachverein der Architekturstudierenden an der ETH Zürich. Sofia Gloor studiert im 6. Semester, Valentin Ribi im 9. und Ina Stammberger im 11. Semester.

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