Auszug aus dem Skizzenbuch im Projekt «Ognivare». Im Moment der Erkenntnis wird wie wild skizziert und notiert. Der Drang kommt auf, alles sofort in Tat umzusetzen. (Bild und Entwurf: Sébastien El Idrissi) Fotos: Sébastien El Idrissi

Warum in der «Kunsti» das Licht so lange brennt

Wer an einer Hochschule für Gestaltung studiert, muss selten nächtelang dort auszuharren. Wie kommt es, dass die Studierenden der Hochschule Luzern – Kunst & Design trotzdem freiwillig so lange dort bleiben?

Dass ein Studium in der Schweiz einen grossen Arbeitsaufwand aufwirft, scheint weitgehend anerkannt zu sein. Nur von den Studierenden der Hochschule Luzern – Design & Kunst (lässig «Kunsti» genannt) hat man immer noch oft das Gefühl, sie seien mehr so «zum Plausch» dort. Wer ein gestalterisches Studium absolviert, der tut das ganz sicher nicht, um später mal viel Geld zu verdienen. Nein, die Zeiten seien zu unsicher, dass man sich noch mit so etwas wie Kunst oder Design beschäftigen könne, wo man doch noch irgendwie überleben müsse. Darum wurden wir am Eröffnungstag unseres Studiums auch begrüsst mit dem Satz: «Sie haben Mut!»  Aber warum tun wir Gestalter uns denn das alles an? Warum arbeiten wir so viel, und warum arbeiten wir überhaupt für etwas ohne Bezahlung? Die freien Aufgabenstellungen liessen es oft zu, dass man mit einem Kleinstaufwand den obligatorischen Vierer erreicht. Während andere tagelang Formeln und Fakten büffeln, versuchen wir uns in der x-ten Variante, obwohl wir uns doch schon mit der ersten Version hätten begnügen können. Wir sind ja nicht gezwungen, soviel Zeit am Arbeitsplatz zu verbringen. Studierende anderer Fakultäten können darum kaum verstehen, warum in der «Kunsti» am Abend immer noch so lange Licht brennt und das Gerücht hält sich hartnäckig, dass dort halt erst ab Nachmittag gearbeitet würde.
Nein, wer ein Studium zum Designer oder Künstler absolviert, der folgt einem anderen Wertesystem. Nicht der Kontostand ist entscheidend, sondern die Freiheit etwas zu tun, in dem man sich selber (meistens) freien Lauf lassen kann. Wer einmal die Vorzüge einer gestalterischen Tätigkeit entdeckt hat, möchte wohl nie mehr etwas anderes machen. Es ist die unglaublich befriedigende Wirkung, eine Idee zu haben, und zu merken, dass das funktionieren könnte. Mit einem Lächeln im Gesicht die Skizze anzuschauen und den hochkommenden Drang zu verspüren, die Idee sofort in die Tat umzusetzen. Dieser Tatendrang erscheint einem so absolut natürlich. Wohl kaum verspürt man eine solche Energie, wenn noch 500 Zahlen in die Excelliste getippt werden müssen. Die Freiheit, seine eigenen Ideen zu entwickeln und verwirklichen, hat nicht jeder. Dass dies aber etwas vom Schönsten ist, würden wohl alle Gestalter unterstreichen. Für die Studierenden ist die Freiheit etwas neu Gewonnenes, was dann wohl auch zu nächtelangem Arbeiten verführt. Gerade als Greenhorn realisiert man die natürliche Antriebskraft im gestalterischen Prozess vermutlich noch eher, als nach jahrelangem Berufsalltag. 

Wenn Sie sich also an einem dunklen Winterabend fragen, warum Sie immer noch im Büro sind, sollten Sie sich wieder einmal vor Augen halten, was Sie eigentlich dazu bewegte, eine gestalterische Tätigkeit zum Beruf zu machen. «Weisst du, mir ist eigentlich nie langweilig», sagte mir einmal ein Künstler im Gespräch. Das mit dem «Plausch» scheint also zu stimmen.

Sébastien El Idrissi studiert Produkt- und Industriedesign im 4. Semester
an der Hochschule Luzern - Design & Kunst

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Kommentare

Silvia Henke 12.02.2013 17:04
Ein schöner Beitrag! Was Sie Plausch nennen, wird in späteren Arbeitsforschungen "Lebenszufriedenheit" heissen. Dass diese aber mehr kosten soll als das Licht am Abend, ist auch klar: diese Form des Tüftelns hat etwas zu tun mit der Kreativität, ohne die die Gesellschaft auf ihren alten Formen sitzen bleiben würde - es gilt also, etwas davon zu erwarten!
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