Im Kanton Tessin gibt es zehntausende Ruinen – auch als Cascina bekannt – die in den letzten fünfzig Jahren aufgegeben wurden.

Über Ruinen fliegen

Für ihre Bachelor-Thesis in Visueller Kommunikation hat Andrea Gallo zweihundert Ruinen von Ställen im Tessin mit der Drohne fotografiert.

Im Kanton Tessin gibt es zehntausende Ruinen – auch als Cascina bekannt – die in den letzten fünfzig Jahren aufgegeben wurden. Cascina bedeutet im Tessiner Dialekt kleines Gebäude, meist handelt es sich dabei um rustikale Ställe oder Nutzbauten. Sie stehen auf dem freien Feld, oft angeordnet zu Komplexen aus mehreren Baukörper, in denen Heu gelagert, Tiere gehalten oder Butter und Käse hergestellt wurde. In meiner Bachelor-Thesis in Visueller Kommunikation näherte ich mich dem Phänomen der Ruinenfotos und den Cascine als kulturellem Erbe an. Ich habe mehr als zweihundert Cascine im Kanton Tessin besucht, fotografiert und katalogisiert. Unterstützt wurde ich vom Verein zum Schutz der Cascine, der sich um über 10'000 vergessene, dem Verfall preisgegebene Objekte kümmert.

Andrea Gallo hat mehr als zweihundert Cascine im Kanton Tessin besucht, fotografiert und katalogisiert.

In meinem fotografischen Entwurfsprozess habe ich verschiedene Möglichkeiten der Dokumentation erprobt. Dabei hat sich die Aufnahme mit einer Drohne als besonders passend erwiesen. Ich konnte die Ruinen aus einer noch wenig verbreiteten Perspektive erfassen und Aspekte sichtbar machen, die auf den ersten Blick unsichtbar bleiben: ein eingestürztes Dach oder die Natur, die sich über die Jahre hinweg der verfallenden Mauern bemächtigt hat. Die Perspektive zeigt auch, wie die Cascine in die Landschaft eingebettet sind. Alle so entstandenen Fotografien habe ich zur Publikation ‹Cascina, a trip above abandonment› zusammengefasst.

Die Aufnahme mit einer Drohne hat sich als besonders passend erwiesen.

Die Bilder sind durchgehend schwarz-weiss aufgenommen und grenzen sich von der etablierten Bildästhetik von Google Earth oder ähnlicher Kartendienste ab. Neben dem Objekt ist auch der Mensch präsent – eben nicht durch Anwesenheit, sondern durch Abwesenheit. Meine Fotografien demonstrieren, dass wir uns nicht um die Cascine kümmern. Oft sieht man neben den zerfallenen Gebäuden zertrampelte Wiesen, streunende Haustiere, vielbefahrene Autobahnen, verlassene Schienen oder Fusswege. Um dieser Distanz etwas entgegenzusetzen, habe ich den Gebäuden im Tessin verbreitete weibliche Namen gegeben. Sie heissen Giuditta, Lucrezia oder Rachele.

Im Kanton Tessin gibt es zehntausende Ruinen – auch als Cascina bekannt – die in den letzten fünfzig Jahren aufgegeben wurden.

Zusammen mit dem Verein zum Schutz der Cascine versuche ich nun, das Buch zu veröffentlichen. Es liegt mir am Herzen, denn nach meinem Studium in Basel bin ich in den Tessin zurückgekehrt und arbeite dort in einem Grafikstudio.

Alle so entstandenen Fotografien sind in der Publikation ‹Cascina, a trip above abandonment› zusammengefasst.

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