DieSchaumstoffvorrichtungen auf der Brooklyn Bridge. Fotos: Sébastien El Idrissi

Schmelzkäse und die Inspirationsbatterie

Weg von der gewohnten Umgebung lassen sich wichtige Eindrücke für den Entwurfsprozess sammeln. Die Inspiration findet sich oft in merkwürdigsten Objekten. New Yorker Impressionen eines Designstudenten.

Geschwülste sind es. Provisorisch zusammengeklebt, von den Einflüssen der Stadt am Verfallen. Einige der Formen erinnern an einen riesigen Schmelzkäse, der aus der Verpackung läuft. Andere wiederum könnten ein Architekturmodell von Frank O. Gehry sein. Oder kleine Lebewesen, die ihre Münder öffnen, wenn sich die Touristen vorbeidrängen. Die Schaumstoffvorrichtungen auf der Brooklyn Bridge sind kuriose Gestalten. Wer sie wohl zusammengeklebt hat? Ein Bauarbeiter? Ein Künstler? Ich fand mehr Gefallen an den Vorrichtungen, als an der Skyline von Manhattan, die sich unmittelbar hinter den Schaumstoffen auftürmt. Während sich die meisten Touristen vor der Skyline in Szene setzten – so zu tun als berühre man mit dem Finger die Spitze eines Towers ist sehr beliebt –, versuchte ich im Gewusel die kleinen Objekte zu fotografieren, während in regelmässigen Abständen ein Neues erschien. Das Schöne an New York ist, dass man eigentlich nur von Touristen verständnislose Blicke erntet. Die Einheimischen, wenn sich irgendjemand überhaupt so bezeichnen kann, nennen es auch «die Stadt der Toleranz». Als ich in Brooklyn Müllsäcke fotografierte, hätte ich das wohl auch in Unterhosen tun können und trotzdem keine fragenden Blicke geerntet. New York City ist ein guter Ort, um die Inspirationsbatterie wieder aufzuladen. Hier scheint alles möglich. In der Subway traf ich einen Teenager mit einer zwei Meter langen Schlange um den Hals. Während ich mir im Studium jede Inspiration aus dem Finger saugen muss, prallen hier die Eindrücke mit der Gewalt eines Chevrolet Pick-Up-Trucks auf mich. Die ganze Welt scheint in das Raster von Avenues und Streets gedrückt worden zu sein.  Man sagt: «You can't stop New York City». Da haben sie wohl recht. Darum versuche ich so viel wie möglich zu sammeln, in Fotografien, Zeichnungen und Notizen. Zurück im grauen Alltag könnten sich die gelben Schaumstoffskulpturen von Nutzen erweisen. Löst man die Objekte aus ihrem Kontext und betrachtet die Formen und das Material an sich, tut sich eine neue Welt auf. Ein Sofa, ein Gebäude ein neues Käsegericht – was sich daraus wohl alles gestalten liesse?

Sébastien El Idrissi studiert Objektdesign an der Hochschule Luzern – Design & Kunst.

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