Die graue Zone stellt die Pufferzone dar, welche Zypern in einen türkischen und griechischen Teil unterteilt. Fotos: Volkan Altin

Politik und Architektur

Kann Architektur die Gesellschaft und die Politik beeinflussen? Dieser Frage geht Volkan Altin in seiner Masterthesis an der Universität Liechtenstein anhand der Zypernfrage nach.

Die Architektur hat viele Aufgaben – sie wird sowohl von der Gesellschaft als auch von der Politik stetig beeinflusst. Kann die Architektur selbst jedoch auch gesellschaftspolitische Einflüsse haben? Diese Frage stellt die Grundlage meiner Thesis dar. An der Universität Liechtenstein können wir Themen für die Masterthesis frei wählen. Dies ergibt eine Vielfalt von verschiedenen Projekten, nicht nur in der näheren Umgebung. Ich durfte mich mit einem aktuellen politischen Thema auseinandersetzen – ein Thema, das eigentlich seit als 47 Jahren aktuell ist – das Zypernproblem.

Karten, welche die Teilung der Völker und der Freundschaften zeigen.

Vereint in den Stadtmauern, getrennt durch die Politik.

Durch eine persönliche Inspiration, dem Bevölkerungsaustausch zwischen der Türkei und Griechenland im 20. Jahrhundert, wurde ich auf viele Geschichten der Toleranz und der Liebe aufmerksam. Politik beeinflusst die Architektur an der Ägäis und am Mittelmeer bis heute noch. Nach dem Bevölkerungsaustausch mussten Griechen und Türken ihre Heimat verlassen, was eine Zwangsmigration auslöste. Bis heute stehen manche Kulturgüter und architektonische Schätze beider Gesellschaften leer und sind dem Verfall ausgesetzt, da die Besitzer nun in einem anderen Land leben. Ähnliche Probleme sind auch in Zypern anzutreffen. Die Wahrnehmung der Architektur und der Stadtplanung wurde durch einen Bürgerkrieg und durch die Teilung der Insel komplett verändert. Die gesamte Insel wird durch die sogenannte Pufferzone in einen türkischen und griechischen Teil geteilt. Diese Teilung ist besonders in der Hauptstadt Nikosia spürbar. Die mit Stadtmauern befestigte Altstadt ist in einen nördlichen und südlichen Teil gespaltet. Straßen und Gebäude wurden durch die Pufferzone getrennt – jene, die in diese Zone fallen, liegen in der sogenannten toten Zone. Alle Gebäude und Nachbarschaften in dieser Zone wurden evakuiert und sind bis heute noch verlassen. Das kulturelle Erbe der Altstadt, welches von einer friedlichen interkommunalen Vergangenheit zeugt, verfällt.


Trennende architektonische Elemente in Nikosia.

Das einstige Treiben im Zentrum der Stadt wurde durch die Pufferzone stillgestellt.

Im 3. Semester durfte ich mich mit der Wahrnehmung von physischen und psychischen Grenzen auseinandersetzen. Darunter analysierte ich die Pufferzone, sowie die Elemente, welche die Stadt Nikosia trennen. Fallbeispiele aus der ganzen Welt sollen eine Einsicht in die politische Dimension der Architektur geben. Ebenso war die Kontaktaufnahme mit Einheimischen von großer Bedeutung. Das Verständnis von der historischen Entwicklung der Insel ermöglicht einen Einblick in die Architektur Zyperns. Ich musste mich deshalb auch intensiv mit den Ideen und Weltanschauungen verschiedener Ethnien befassen, besonders der jungen Generation auf Zypern. Historische Orte und Gebäude, die von der gemeinsamen friedlichen Vergangenheit zeugen, wurden detailliert herausgearbeitet und sollen auch die Interventionsorte in der Pufferzone darstellen. Eines dieser Gebäude ist das Spitfire Café, welches ein sozialer Treffpunkt der Griechen, Türken, Armenier und Araber war. Die Gebäuden wurden aufgezeichnet und es wurde versucht, den Zerfall in den Plänen zu zeigen. Gezielt wurden Schwachstellen entlang der Pufferzone und den trennenden Elementen gesucht und analysiert. Daraus ergab sich eine Strategie der punktuellen Öffnung dieser Zone. All diese Erkenntnisse und Erforschungen wurden in einem Portfolio dokumentiert, welches die Grundlage für das Designsemester der Masterthesis im 4. Semester darstellt.


Zerfallendes Erbe in der Puffer Zone.

Das erste Zypern-Museum in Nicosia

Das ikonische Spitfire Café

Nun wird sich im kommenden Semester die Frage stellen, wie die genaue Strategie der Wiederöffnung sich entwickeln soll. Auch stellt sich hier die Frage der Denkmalpflege von heruntergekommenen Kulturgütern und auch mit welchen Aktivitäten sich die türkischen und griechischen Zyprioten in dieser Zone, nach 47 Jahren, wieder treffen und zusammenkommen können. Eine politische Lösung der Wiedervereinigung gab es bislang nicht – können architektonische Massnahmen die Zyprioten wieder an bestimmten Orten zusammenbringen und somit der Überwindung von Grenzen in den Köpfen und Herzen der Menschen beitragen?


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