Der Palais Bulles von Antti Lovag: Raumabfolgen mit Beziehungen in alle Richtungen. Fotos: Gilles A. Scapin

Planlose Architektur

«Räume, die unverständlich bleiben»: In seinem Campus-Beitrag schreibt der Architekturstudent Gilles A. Scapin über das Kandalama Hotel von Geoffrey Bawa und den Palais Bulles von Antti Lovag.

Das tropische Klima und die Vegetation Sri Lankas faszinieren alleine schon durch ihre üppige Fülle, den Farbenreichtum und ihre schiere Grösse. Mitten im Urwald an einer Felswand entlang krümmt sich die Megastruktur, das Kandalama Hotel von Geoffrey Bawa. Ein Hotel mit Laubengangerschliessung, an der sich die Zimmer reihen. Der Laubengang hangseitig, die Zimmer mit Ausblick auf die Landschaft. Was Bawa gebaut hat, ist eine Wahrnehmungsmaschine – ein Apparat, der die Wahrnehmung der Umgebung potenziert. Die Felswand erscheint und verschwindet sogleich wieder um die Ecke. Mal betrachtet man sie frontal, mal von oben. Man presst sich an ihr vorbei und schon ist sie wieder verschwunden. Auch den Urwald bekommt man aus allen möglichen Blickwinkeln zu sehen.

Kandalama Hotel von Geoffrey Bawa: Blick in den Gang zwischen Fels und Hotel

Was macht dieses Bauwerk so stark? Das ungewöhnliche Umfeld mit ihrer Vegetation? Das tropische Klima und die offenen Räume? Und wie kann man so eine Struktur entwerfen? Zurück in Zürich versuchte ich über die Pläne mehr Erkenntnisse zu gewinnen. Doch entgegen den Erwartungen erschienen mir die Grundrisse und Querschnitte leer. Sie folgen keiner Logik, scheinen willkürlich Ecken und Vorsprüngen nachzugehen.
Das Kandalama Hotel von Geoffrey Bawa: Gebäude und Umgebung sind nicht mehr voneinander zu trennen

Der Palais Bulles von Antti Lovag: ein Konglomerat aus kugelartigen Räumen, Röhren und alles Denkbare dazwischen. Ein Wohnhaus ohne rechten Winkel. Das Haus schafft Räume mit Blickbeziehungen in alle Richtungen, barocken Wölbungen und Faltungen, mit Beziehungen zwischen innen und außen, oben und unten auf allen Ebenen. Beim Besuch wurde mir klar: dieses Gebäude konnte nicht mit Plänen entworfen worden sein.

Der Palais Bulles von Antti Lovag: Raumabfolgen mit Beziehungen in alle Richtungen.

Wie bei Bawas Hotel ist alles vor Ort entwickelt, entworfen und gebaut. Der Architekt ist hier Bildhauer. Er formt Räume mit dem Blick aus der Architektur heraus, direkt auf der Baustelle, im ständigen Dialog mit der unmittelbaren Umgebung. Es entstehen dort Öffnungen, wo eine Aussicht gewünscht ist, eine Mauer, wo es Introvertiertheit bedarf. Der Architektur liegt keine abstrakte Idee zugrunde, kein Konzept. Sie ist unmittelbar kontextuell. Sie ist nicht für und nicht mit dem Plan entworfen und lässt sich damit auch nicht vollends verstehen. Keine Abbildungsform wird ihr gerecht. Sie kann nur erlebt, bewohnt, durchgangen, gefühlt wirklich verstanden werden. Sie ist kompromisslos menschlich, weil sie ausschließlich im gelebten Raum entworfen und gedacht wurde.

Wir bauen viel, billig oder teuer, gut oder schlecht, und immer so schnell wie möglich. Alle Prozesse sollen planbar sein, um keine Zeit zu verlieren. Das macht Sinn, schafft aber keine kontextuellen, verwobenen Räume. Der Bildhauer, der von innen heraus Räume formt, verschwindet. So entsteht objekthafte Architektur ohne unmittelbaren Kontext, die an einen beliebigen Ort gepflanzt werden kann. Es besteht keine Zeit und vielleicht auch kein Wille, die neuen Räume tatsächlich mit der Umgebung zu verweben. Dafür braucht es einen Blick aus der Architektur heraus, den es in keinem virtuellen Raum gibt. Diesen Blick gibt es nur vor Ort.

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