Lust

Lust war schon immer verdächtiger als Vernunft. Heute hat das subjektive Empfinden wieder Konjunktur. Oder dient es dem ökonomischen Kalkül lediglich als Maske? Die neue Ausgabe der Zeitschrift trans wird im März das Thema befragen.


«Die gesamte westliche Philosophiegeschichte hat den Begriff der Lust zensiert. In unserer Denktradition gibt es nur sehr wenige Philosophen der Lust: Epikur, de Sade, Diderot. Sprechen wir über die Lust, dann müssen wir gegen einen kulturellen Widerstand ankämpfen.»
Roland Barthes, aus einem Interview zu seiner Schrift «Die Lust am Text», 1973

Das Bildungsideal des Humanismus berief sich auf eine Antike, deren Geschichtsschreibung die Geistesleistung der Vernunft über die der Lust stellte. Die Protagonisten wurden aller Sittenverstösse bereinigt und zu tugendhaften Ikonen geformt obwohl ihr Lebenswerk stets von einem Zwiespalt aus triebhafter Faszination und kühler Logik begleitet war. Dabei ist es diese Zerrissenheit die jede Form von Schöpfung bereichert und ihr eine Vieldeutigkeit schenkt, die der Komplexität eines menschlichen Charakters angemessen ist. Innovativ ist nicht was eine Fülle an Faktoren in perfekter Symmetrie vereint, sondern der Bruch mit der bestehenden Ordnung, der Riss im Gewand der Ratio, der die dahinter liegende Leidenschaft erblicken lässt.
Heute, möchte man meinen, sind wir im Begriff dem subjektiven Empfinden wieder mehr Bedeutung zukommen zu lassen. Die Informationsgesellschaft des 21. Jahrhunderts ist trotz aller Selbstdarstellungskritik emphatischer als frühere. Eine nie dagewesene Kommunikationsfreiheit erlaubt es persönlichen Neigungen und Gefühlen Ausdruck zu verleihen und diese gleichwertig neben den Fundus gesammelten Wissens zu stellen. Mitteilungsfreudigkeit wird von der sozialen Sphäre honoriert, Ideen werden geteilt, gemeinsam weiterentwickelt und profitieren von der Intelligenz der Masse.
Gleichzeitig herrscht der Kanon ökonomischen Kalküls. Die Motivationskraft von Inspiration und Fantasie wird technokratisch aufgeschlüsselt, um Müssiggang und Produktivität in ein wirtschaftlich-optimiertes Verhältnis zu bringen. Das Irrationale wird quantifiziert um es reproduzierbar zu machen, denn aus Ungewissheit lässt sich kein Wettbewerbsvorteil schlagen. Wird das dionysische Prinzip lediglich zur Maske eines gänzlich normierten Lebenstils?
In diesem Spannungsverhältnis zwischen Verantwortung und Träumerei stellen wir uns die Frage nach dem Glück. Mit ihrem Selbstverwirklichungsdrang wird unsere Generation dieses Gleichgewicht unweigerlich neu aushandeln müssen und dabei mit Konventionen brechen.

Die Zeitschrift trans 26 zum Thema ‹Lust› erscheint im März 2015

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