Der Scherz, der zur Realität geworden ist. (Valentin Ribi, 13.03.2020, ONA ETH Zürich)

«Jede Scheiss isch e Chance»

Die Universität verlagert sich vom Campus in unser Zuhause. Welche Arten des Studierens und Architekturschaffens werden wir in den nächsten Monaten entwickeln? Ein Campus-Beitrag der trans-Redaktion.

Die Sonne scheint und taucht den Platz vor der Alumni auf dem Campus des ETH Hönggerberg in warmes Licht. Es herrscht ausgelassene Stimmung, Studenten sitzen zusammen an langen Bänken, stossen an mit einem Lächeln auf ihren Gesichtern. Es fühlt sich an wie der letzte Moment, in dem wir noch hier zusammen sein können, der letzte Moment, bevor wir uns von unserem gewohnten Alltag lossagen müssen. Ein letztes Mal kommen alle hier hin, wir realisieren, dass es nicht nur der Ort ist, wo wir studieren - es ist ein Stück Normalität, der Ort, wo unsere Freunde sind, wo wir uns austauschen.

Gerade erst wurde verkündet, dass die ETH für die kommenden Monate ihre Türen schliesst - ein Versuch, die Ausbreitung des Corona-Virus einzudämmen. Es fühlt sich merkwürdig an, seine Sachen zu packen und zu realisieren, dass man erst nach ein paar Monaten zurückkehren wird. Es ist ein mulmiges Gefühl, einer Weisung von oben Folge zu leisten, auch wenn diese zum Ziel hat, einen selbst und sein Gegenüber zu schützen und Verantwortung zu übernehmen.

Das Virus hat grosse räumliche Konsequenzen, die die Art, wie wir uns begegnen und wie wir das tägliche Leben meistern auf die Probe stellen. Im kleinen Massstab betrifft es unser Arbeiten und unsere sozialen Kontakte, im Großen wiederum geht es um die Porosität der Grenzen, um wirtschaftliche und politische Fragen. Niemand weiss, was morgen passieren wird, unsere Jobs erscheinen prekärer denn je, in einer Welt, deren Wirtschaft kollabieren könnte. Alles passiert zeitgleich, wiederholt und verdoppelt sich - es heisst, in ein paar Monaten sei es vorüber, aber der zeitliche Horizont ist unklarer denn je.

Die Universität verlagert sich vom Campus in unser Zuhause: Präsenz wird ersetzt durch ein Icon, das auf dem Bildschirm aufleuchtet. Die Flucht in die virtuelle Realität erscheint nun als reale, logische Massnahme. Man verdrängt das unheimliche Gefühl vor der voranschreitenden Digitalisierung. Die Intimität unserer vier Wände wird nach aussen gekehrt, man errichtet sich Arbeitsstätten, und bereitet sich vor, hier für eine Weile zur Ruhe zu kommen, aber doch noch an der Welt teilzuhaben. Die stetige Forderung nach Entschleunigung wird nun zwangsläufig erfüllt - unsere Gewohnheiten kommen zum Stillstand.

Schlagartig fällt auch im berühmt berüchtigten Architekturstudium der Druck: das Modell kann nicht bis nächste Woche gebaut werden, die Kritiken mit Gästen fallen aus, es gibt keine Diplomausstellung. Nun lernen wir 3-D-Programme, diskutieren auf Zoom und beschreiben zusammen virtuelle Flipcharts. Digitale Dokumente beruhen auf dem Format des gedruckten Blatt Papiers – wie wird es aussehen, wenn das Vertraute plötzlich weg bricht?

Wir betreten ungewissen Boden: Unsere Praktiken werden neue Formen finden müssen, die wir jetzt noch nicht in Worte fassen können. Wir fühlen uns befremdet in einer altbekannten Welt, weil diese von heute auf morgen ihr Gesicht verändert hat. In den nächsten Monaten wird unser Wohnzimmer, unsere Küche, ja sogar unser Bad als Universität herhalten. Das Zuhause wird Infrastruktur, stösst dabei an seine Limits, wird anpassungsfähiger und offenbart unerwartetes Potential. Wir testen die Flexibilität unserer Räume und stellen dadurch unsere Lehre an sich in Frage. Macht es Sinn, bloss das Wohlbekannte in digitaler Form weiterzuführen oder wird es Zeit sich Alternativen zu überlegen?

Der Preis erscheint unsagbar hoch, aber um es mit den zynisch-satirischen Worten des Schweizer Musikers Manuel Stahlberger zu sagen: «Jede Scheiss isch e Chance». Es geht zu schnell, das stimmt. Gerade erst wurden die Fragen gestellt - und morgen müssen wir schon die Antwort haben. Wir, die so viel Überfluss und Freiheit gewohnt sind, fürchten uns vor der Enge unserer Wohnungen, wenn wir sie nicht mehr verlassen dürfen. Wir fürchten uns, ob die digitale Welt der realen das Wasser reichen kann. Doch vielleicht ist das nicht die Frage, die wir uns stellen müssen. Eigentlich fürchten wir uns davor, einsam zu werden. Doch gerade der Verzicht auf Nähe, bringt uns einander vielleicht näher.

Auch wenn die Krise überstanden ist, wird es nicht mehr wie vorher. Wir verhandeln unsere Räume, unsere Werte und Gewohnheiten neu. Müssen wir wirklich jede Woche hin und herfliegen? Gibt es nicht schon lange andere Möglichkeiten, die Distanzen überwinden und unsere leibliche Anwesenheit angemessen ersetzen können - ganz ohne die wichtige menschliche Interaktion zu verlieren? Wie wird uns die Isolation verändern? Wie formt diese das Arbeiten? Welche Arten des Architekturschaffens werden wir in den nächsten Monaten entwickeln? Entdecken wir Möglichkeiten im Digitalen, die unsere Realität wahrhaftig stützen?

Die Verlangsamung gibt sowohl uns, als auch unserem Planeten etwas Zeit sich zu erholen und zu sammeln. Die Zerstückelung des Raumes, das Abstandhalten zueinander, ist unsere Hoffnung, ein paar Leben mehr zu retten. Unser Mobilitätsradius beschränkt sich in den nächsten Monaten auf das Minimum und wir werden realisieren, was wirklich wichtig ist. Konsum und Mobilität, zwei Ankerpunkte der Globalisierung, beginnen zu wackeln und werden in Zweifel gezogen.

Im Sommer, wenn das Schlimmste vorüber ist, stehen wir vielleicht vor einer neuen Realität. Die Regeln der Welt könnten neu kalibriert sein, wir könnten Antworten auf einige Ungewissheiten unseres Jetzt gefunden haben. Dann kehren wir an unsere Arbeitsplätze zurück, wischen den Staub von den Tischen und beginnen neu. Es besteht die Hoffnung, dass wir dazugelernt haben werden.

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