Wechselnde Unterrichtsformen zwischen Realität und Virtualität erneuern das Studium und verändern den Architekturbegriff, schreibt die Architekturstudentin Ella Esslinger.

Hybridreality

Wechselnde Unterrichtsformen zwischen Realität und Virtualität erneuern das Studium und verändern den Architekturbegriff, schreibt die Architekturstudentin Ella Esslinger.

In den ersten Wochen dieses Herbstsemesters befinden wir uns in einem neuen Modus: Ab jetzt oszillieren wir zwischen online und physischer Präsenz. Am Architekturdepartment der ETH Zürich entwickeln wir uns weiter von ‹remote› zu ‹hybrid›. Es ist der Versuch zurückzukehren an einen realen Ort und wieder eine Verbindung aufzubauen. Wie sehr haben wir uns nach der unmittelbaren Resonanz unseres Gegenübers gesehnt, nach Begegnungen fern von dem virtuellen Raum, in dem wir so lange verweilen mussten. Wir sind voller Spannung, stellen uns dem Drahtseilakt auszubalancieren, wie viel ‹vor Ort› zu viel ist. Denn momentan ist das ‹nicht-vor-Ort-sein› wieder Ausnahme. Wir bewegen uns auf einer haarscharfen Kante, müssen das Gleichgewicht halten, damit die Welt nicht kippt. Wir wanken zwischen greifbarer und virtueller Existenz.

Noch bedeutet das für uns neugewonnene Flexibilität: wir entscheiden, ob wir uns mit Abstand im Vorlesungssaal treffen, räumliche Distanzen digital überbrücken oder zeitlich entkoppelt die archivierten Aufnahmen ansehen. Jetzt können wir kontrollieren, wo wir uns befinden und wo wir uns wieder begegnen. Fortan bewegen wir uns also mehrgleisig fort, um bei jeder kleinsten Kursänderung reagieren zu können. Während wir noch unsere Werkzeuge schärfen, entwickeln wir uns weiter, möchten nun auch inhaltlich unser Spektrum anpassen und justieren. Unsere Lehre wird dieses Semester diverser, seit das Institut für Geschichte und Theorie der Architektur und das Institut für Denkmalpflege und Bauforschung ein Fachsemester für Studierende anbieten, die sich an der theoretischen Auseinandersetzung und dem wissenschaftlichen Arbeiten erproben möchten.

Es ist längst überfällig, dass Geschichte und Theorie wieder Einzug in unser Studium erhalten. Nahezu vergessen wurde, wie sehr sie die kulturelle Resonanz von Architektur erweitern. Dabei ist uns doch eigentlich bewusst, wie sich in unserer Disziplin wirtschaftliche, technische, künstlerische, soziale und politische Interessen überlagern. Dennoch hat sich die Architektur als Bildungsplattform in den letzten Jahrzehnten in die entgegengesetzte Richtung bewegt und unseren Lehrplan die disziplinären Verstrickungen vergessen lassen. Paradoxerweise studieren wir Architektur, oder viel mehr das Architekturobjekt, ohne uns kritisch mit dem Architekturbegriff auseinanderzusetzen. Denn dafür ist im ‹normativen Studioalltag› oftmals keine Zeit vorgesehen. Der US-amerikanische Architekturhistoriker Mark Jarzombek stellt erschrocken fest, wie die meisten Architekturschulen sich auf die Geschichte der Moderne als erkenntnistheoretisches Kernprojekt begrenzen, während beispielsweise der Bereich der Renaissance-Architektur, einst grundlegend, nahezu ausstirbt.

Bevor wir geschichtsvergessen auf der Strecke bleiben, möchten wir unseren Kanon erweitern, um zu verhindern, dass Architektur frustrierend irrelevant wird. Der Architekturbegriff dehnt sich wieder weiter aus, erneuert unser Studieren, nimmt die Kritik an, viel zu nah am Baulichen zu stehen. Wir bekommen Raum für die Leichtigkeit unserer Gedanken, die sonst zu schnell gegründet und abgedichtet werden müssen. Wir schreiben wieder, drücken uns mit Worten präzise aus, gehen der Geschichte auf den Grund und entwickeln eine Haltung, die nicht mehr in einer Zeichnung oder dem physischen Projektvorschlag enden muss. Wir müssen multiple Fähigkeiten aufweisen, thematisch wendig sein, uns kontinuierlich hin- und herbewegen zwischen Denkraum und gebautem Raum, die ohne einander nie entstehen würden. Bis zu welchem Maße wir uns beiden Polen nähern, ist uns überlassen, doch nur von einem Ende zu zehren bringt uns aus dem Gleichgewicht. Es sind das Kreuzen, das Vermischen und Bündeln, die uns erfrischen und Zufälle entstehen lassen und so zum Potenzial unserer Arbeit werden.

Unser hybrider Erfahrungsschatz lässt uns eine neue disziplinäre Identität aufspüren. Gleichsam real und virtuell, parallel und zeitlich verschoben, wird uns wieder bewusst, was Raum und das Verständnis von Raum für Facetten in sich tragen. Wir bewegen uns an einer Vielzahl von Orten in einer Vielzahl von Formen und erkennen so, dass wir tatsächlich etwas verändern können. Was sich dann entwickelt ist vielleicht ohne scharfe Umrisse, vielleicht nicht mehr genau zu bezeichnen, weil ein ‹Zwischending›. Aber diese hybride Realität macht uns zunehmend aus.

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