Die Schule von Athen ist leer. Fotos: Redaktion trans

Generation Z(oom)

Ein Grippekranker im Kolloquium, stummgeschaltete Kommilitonen und Winken statt Kritik: Fabienne Girsberger von der trans-Redaktion beschreibt, wie der digitalisierte Unterricht an der ETH funktioniert.

Wir verbringen neuerdings viel Zeit mit dem Betrachten von exponentiell ansteigenden Graphen, die allmählich aber sicher wieder abflachen. Ein solcher Graph zeigt auch den Aktienverlauf des US-Unternehmens Zoom Video Communications. Dessen Nutzerzahlen stiegen zwischen Anfang des Jahres bis Mitte März um 67 Prozent, die Software kletterte auf Platz Eins der Gratis-Applikationen im App-Store. Kurz darauf kamen kritische Stimmen auf: Der Guardian titelte «Zoom is malware», Daten wurden ohne Einwilligung an Facebook verkauft, Meetings wurden durch ‹zoombombing› gehackt und Verbindungen waren nicht ‹end-to-end› verschlüsselt, obwohl vom Unternehmen so angepriesen.

Die Aufschreie überraschten uns nicht. Je bequemer, desto schlimmer. Je billiger die Oberfläche, desto teurer bezahlen wir im Hintergrund mit Daten und Grundrechten. Die Benutzerfreundlichkeit und vor allem die Zeitnot wurden einmal mehr höher gewichtet als die Datensicherheit. So entschied sich auch die ETH für Zoom als Übergangslösung, um den Unterricht zu digitalisieren. 

Viel hat sich seither verändert. Unsere Nacken schmerzen, wir vereinsamen oder gehen unseren Mitbewohnerinnen auf die Nerven, wir arbeiten non-stop oder haben jegliche Motivation dazu verloren. Auf den Inhalt der Ausbildung hingegen wirkt die Krise nicht wirklich disruptiv. Mithilfe technologischer Werkzeuge – allen voran Zoom – wurden die Abläufe beinahe zu gut ins Digitale übertragen. Von zwangsauferlegten Reflexionspause keine Spur.

Im kleinen Massstab prägt Zoom unsere neuen Arbeitskulturen mit. Ein Entwurfsassistent stellte neulich erfreut fest, dass Zoom räumliche Hierarchien während den Kritiken abschafft. Es gibt keine Professor*Innen mehr, die sich im Gegenüber von den Studierenden abheben. Oft geschieht jedoch das Gegenteil: Zoom ist flach, die Kommunikationsebenen beschränken sich auf einen parallelen Chat und eine Auswahl an Handzeichen: Winken oder Daumen hochhalten. Schwieriger sind kritische Reaktionen, denn es herrscht ein Aufmerksamkeits-Monopol. Hat dies erst mal jemand an sich gerissen, ist eine diskrete Unterbrechung fast unmöglich. Hierarchien scheinen sich durch diese Dynamik zu versteinern. Die Passiven verstummen, beziehungsweise werden stumm geschaltet und verschwinden im schlimmsten Fall ungehört hinter einem Namen.

Ein an Grippe erkrankter Mitstudent nahm mit ausgeschalteter Kamera an einem studiointernen Kolloquium teil. Der Professor empörte sich über diese Respektlosigkeit. Er berief sich auf seinen analogen Erfahrungsschatz und hielt am Wunsch fest, dass er alle, die ihn hören und sehen, auch jederzeit sehen möchte. Das Bedürfnis ist nachvollziehbar. Sieht man keine Gesichter, verstärkt sich das Unbehagen. Man kann keine Stimmungen im Raum wahrnehmen, kann keine verstohlenen Blicke austauschen. (Überhaupt hat sich die Sache mit dem Augenkontakt verkompliziert. Entweder ich schaue tief in meine Laptopkamera, um meinem Gegenüber ein Gefühl der Unmittelbarkeit zu vermitteln, oder wir blicken unsere Augen auf dem Bildschirm an und schielen ewig aneinander vorbei.) 

Die Teilnahme am Kolloquium trotz Fieber mag aus gesundheitlichen Gründen bedenklich sein und wirft einmal mehr die Frage nach dem Produktivitätsdruck in den Entwurfsstudios auf. Wichtiger aber ist die Frage, wie zugänglich die digitalisierte Ausbildung sein wird. Sie ermöglicht eine Partizipation, wo eine physische Teilnahme nicht möglich wäre. Beispielsweise, wenn ich ein Kind betreue, oder wenn ich tagsüber arbeite. Durch den Ausnahmezustand werden zwangsläufig Digitalisierungsmassnahmen implementiert, die unter normalen Umständen kontrovers diskutiert würden. Es ist davon auszugehen, dass ein Grossteil dieser digitalen Infrastruktur nicht rückbaubar ist. 

Die Bildung könnte dadurch niederschwelliger und günstiger werden, weil sie von überall her zugänglich ist und Infrastruktur spart. Eine digitale Datenbank meiner Vorlesungen ist einiges billiger als der allwöchentliche Präsenzunterricht. Würde der Staat eine öffentliche digitale Infrastruktur zur Verfügung stellen, wäre dieses Szenario unter Umständen zu begrüssen. Sind wir aber gezwungen, auf private Anbieter zurückzugreifen, werden öffentliche Aufgaben mit marktwirtschaftlichen Interessen vermischt. Wir ahnen, wie viel unter dem Effizienz-Dogma in der Bildung verloren geht. Während wir unsere Vorlesungen vom Sofa aus verfolgen, staunen wir, wie überraschend gut unsere Werkzeuge funktionieren. Zugleich vermissen wir die Nähe zueinander, den spontanen Austausch unseres Campus-Alltags, die Überraschungen, die unseren Ideen neue Richtungen und kritische Distanz verleihen.

Notlösungen sind in ihrer Natur imperfekt und temporär. Nach dem anfänglichen Sträuben, haben wir uns nun langsam mit Zoom angefreundet. Ich hoffe, wir machen es uns nicht allzu bequem in der virtuellen ETH.

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Kommentare

Paul 28.04.2020 14:06
Vielen Dank für den kritischen Artikel und die Einsicht in den Online-Alltag der ETH! Die Hochparterre-Kommentarfunktion eignet sich perfekt, um hier ein paar wirre Gedanken loszuwerden. Es wäre sehr schön, wenn man die aktuelle Lage nutzen würde, um die Online-Komponente der Architekturlehre sinnvoll auszubauen. Man erhofft sich auch bei uns in Österreich, möglichst bald wieder zum analogen Alltag zurückzukehren. Aber ich sehe nicht ein, warum man je wieder einen reellen Vorlesungssaal betreten oder eine Prüfung auf Papier schreiben sollte. "Open Book"-Prüfungen, welche bei uns bisher selten waren, verlangen viel mehr Verständnis über den gefragten Stoff und produzieren manchmal überraschende Essays oder Analysen, die für mehr als eine Prüfungsnote zu gebrauchen wären. In dem Sinne könnte man vielleicht viele Prüfungen auf Seminararbeiten oder Projekte umstellen. Und für die Vermittlung der Lehrinhalte ist die regelmäßig stattfindende Vorlesung , die jährlich für neue Studierende wiederholt wird, auch nicht mehr zeitgemäß. Durch die derzeitigen Online-Vorträge, die glücklicherweise manchmal öffentlich zugänglich sind, muss man keine ArchitektInnen mehr vom anderen Ende der Welt einfliegen lassen (sowieso eine interessante Eigenart der Architekturausbildung). Warum gibt es noch keine Architektur-LivestreamerInnen auf Youtube? Wenn man die ganze Welt ansprechen kann, könnte man ja regelmäßig "Content" produzieren und diskutieren. Meist kommt dieser "Content" bisher von den Institutionen. Sie geben Einblick in ihre Archive, posten Beiträge und Rückblicke und veranstalten Calls für öffentliche Beiträge. Das spielt sich bisher vor allem auf den gängigen sozialen Mediean ab, aber außer Likes und Shares produzieren diese Inhalte kaum Echo. Sicherlich wäre genug Interesse für Architektur vorhanden, um die Leute zur fachlichen Diskussion anzuregen. Aber all diese Bedenken beiseite gestellt – ich freue mich auch wieder darauf, echten KollegInnen in echten Räumen zu begegnen.
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