Die Endfassung der «Monos»: Eine Orthese, die Luft lässt, wo am meisten geschwitzt wird – auf der Handfläche zum Beispiel. (Bild: Betty Fleck) Fotos: Tu Van Giang/Betty Fleck

Design statt Stigma

Für Orthopädisten sind Orthesen lediglich Stützen für verkrümmte Gliedmassen. Diese Sicht greift zu kurz, findet Tu Van Giang. Die Absolventin des Bachelors Design an der Zürcher Hochschule der Künste erklärt Ästhetik zum Menschenrecht und die Orthese zum hochwertigen Alltagsprodukt.


Tu Van stellt gleich zu Beginn fest: «Als Industrial Designerin geht es mir in erster Linie nicht um schöne Formen.» Ihre Arbeit soll Sinn machen, notwendig sein, soll den Alltag der Menschen zum Besseren verändern. In San Francisco designte sie während eines Praktikums schon Operationswerkzeuge. Für ihre Bachelorarbeit hat sie Orthesen neu gedacht. «Orthesen sollen den Träger nicht stigmatisieren, nicht an Krankheit und Schwäche erinnern. Sie müssen besser im Alltag integriert sein», erklärt sie.
Herkömmliche Orthesen können eines gut: Sie stützen. Tu Van beschränkte ihre Recherche jedoch nicht auf medizinische Fakten. Wie fühlt es sich an, eine Orthese täglich anzuziehen? Ihr war es wichtig, die Menschen kennenzulernen, die Orthesen brauchen. Und diese waren, wie sie herausfand, mit ihrem teuren Hilfsmittel nicht rundum zufrieden.
Eigentlich klingt es einleuchtend: Wer Orthesen jeden Tag trägt, hat auch besondere Anforderungen an sie. Sie sollen leicht, bequem und anpassungsfähig sein – doch dies gewährleisten nicht alle herkömmlichen Orthesen. Durch die Gespräche mit den Orthesenträgern hat Tu Van herausgefunden, dass die Massanfertigung sehr teuer ist. Die Krankenkasse bezahle nur eine. «Stellen Sie sich vor, Sie müssten das gleiche paar Schuhe für den Rest Ihres Lebens tragen! Manche Orthesen kann man nicht einmal richtig waschen.» Der Industrial Designerin schwebt vor, eine neue Technologie zu nutzen, um die Herstellungskosten zu senken: Tu Van schlägt vor, das entsprechende Körperteil des Patienten mit einem 3D-Scanner zu vermessen, die Orthese am Computer auf ihn anzupassen und anschliessend mit einem 3D-Drucker auszudrucken. So könnte das Grundmodell ihrer Orthesen jeweils auf die individuellen Gliedmassen der Patienten digital angepasst werden. Tu Van möchte mit ihrem Ansatz das Produkt Orthese nicht nur erschwinglicher, sondern auch schöner und individueller machen.
Im letzten Herbst konnte Tu Van ihr Konzept an der Zürcher Fachmesse für Gesundheitsmarkt (IFAS) potentiellen Herstellern vorstellen. Ob die Monos, wie sie ihre eleganten Orthesen nennt, je produziert werden, steht noch in den Sternen. Tu Van Giangs Konzept regt zumindest zum Nachdenken an.

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