Die gesamte Geschichte der UdSSR ist an der Architektur von Novosibirsk ablesbar. Fotos: Wilko Potgeter

Delirious Siberia

Unsere Autorin besucht ihre Heimatstadt Novosibirsk, mitten in der endlosen Tundra Sibiriens. Sie fand eine Stadt jenseits von guter und schlechter Architektur.

Was wäre, wenn es den Architekten nicht gäbe? Eine ständig wiederkehrende Frage nach der Rolle unseres Berufs. Mir scheint es, als wäre ich der Antwort darauf auf der Reise in meine Heimatstadt etwas näher gekommen. Eine Reise nach Novosibirsk, Sibirien – eine Stadt jenseits von guter und schlechter Architektur.
Zunächst ein Paar Eckdaten: Obwohl Novosibirsk mitten in Sibirien liegt,  laufen hier keine Bären auf den Strassen und im Sommer wird es durchaus so warm wie in Mitteleuropa. Die Stadt gibt es seit etwa einem Jahrhundert, sie hat ca. 1.5 Mio. Einwohner und ist damit die drittgrösste Stadt Russlands. Es gibt Museen, Theater und Universitäten. Und um die Stadt herum: Taiga.
Die gesamte Geschichte der UdSSR ist an der Architektur der Stadt ablesbar. 1893 als Dorf  für den Bau einer Eisenbrücke über dem Fluss Ob gegründet, entwickelte sie sich vor allem im Zweiten Weltkrieg rasant, als die Industrieanlagen aus Westrussland nach Sibirien verlagert wurden. Noch heute ist die Stadt eine wilde Mischung aus den winzigen, denkmalgeschützten Holzhütten des späten 19. Jahrhunderts, den wenigen konstruktivistischen Bauten der Zwanziger- und Dreissigerjahre, den monumentalen stalinistischen Bauten und den endlosen Plattenbau-Wäldern der Post-Stalin-Ära. Vor 25 Jahren könnte man Novosibirsk noch durchaus als eine Rasterstadt bezeichnen: Ein urbanes Netz mit seinen langen breiten Strassen streckt sich über der Taiga aus, unterwirft die Natur und stellt eine sonderbare Ordnung her, die durch ihre unzähligen Platten an die graue Gleichheit des sowjetischen Menschen mahnt.
Interessant ist die Entwicklung nach dem Zerfall der Sowjetunion. Die in Russland spät einsetzende wilde Postmoderne und die etwas schlichteren aber immer noch verrückten Wolkenkratzer der letzten Jahre repräsentieren all das, was der sowjetische Mensch nicht durfte: die Individualität, in ihrem höchsten Ausmass. Der Ausdruck der Gebäude kennt keine Sprache mehr, der Städtebau hat seine Ordnung verloren. Es gilt das Gesetz des Stärkeren: Die kleinen Holzhütten werden von 30-geschossigen Nachbarn eingekreist, Stalinpaläste aufgestockt, lästige Altbauten in Brand gesetzt, um Platz für neue Architektur zu schaffen. Die Stadt hat keinen Masterplan mehr. Der Architekt ist nur noch dafür da, der grenzenlosen Fantasie seiner Bauherren freie Bahn zu setzen. Das gleichmässige Netz wird mit neoliberalem Chaos überlagert.
Was wäre, wenn es den Architekten nicht gäbe? Unsere Umgebung sähe ein bisschen skurril und etwas chaotisch aus. Und dennoch: «Nichts kann existieren ohne Ordnung, nichts kann entstehen ohne Chaos.» Sagte Einstein.

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