Skizzen zur Japanmesser-Schere

CAD im Kopf

Tonia Wynona Betsche studiert in Basel Industrial Design. Im Campus-Beitrag erklärt sie warum und zeigt drei Produkte mit sechs Funktionen.

«Kommt nach vorne und zeichnet eine Gerade und eine Kurve», forderte uns der Lehrer in der ersten Klasse auf und erklärte: «Jede Form lässt sich aus diesen beiden Elementen herleiten». Als ich von Weitem auf die Wandtafel blickte, stellte ich zu meiner Enttäuschung fest, dass meine Linie schräg geraten war. Heute weiss ich, sie wäre gerade gewesen, hätte ich nur die Wandtafel etwas nach links geneigt.

Im geschlossenen Zustand mit vorgeschobener Klinge als Japanmesser (links), im offenen Zustand als Schere mit einem Federsystem (rechts).

Verbunden mit diesem und ähnlichen Erlebnissen, entschied ich mich Jahre später, Industrial Design zu studieren. Das Studium lehrt mich, wie ich Ideen umsetzen und vermitteln kann. Für mich ist der Kopf die beste Werkstatt, Logik und Kreativität sind die besten Werkzeuge. Wenn ich gestalte, gehe ich davon aus, dass es für jedes Problem eine raffinierte Lösung gibt. Das eliminiert vorweg allfällige Barrieren im Kopf. Die Lösungen stelle ich mir gedanklich vor. Ich forme sie aus Geraden und Kurven, wie ein CAD im Kopf, und skizziere sie anschliessend im Illustrator. Diese Vorgehensweise erlaubt mir, meine Ideen anzupassen und zu überprüfen.

Winkelmesser mit Einstellschieber (oben), Zirkel mit Einstellschieber und Drehpunkt (unten).

Auf diese Weise arbeitete ich auch an meinem Semesterprojekt Grafix. Dabei wollte ich Dinge in ihrer bekannten Funktionsweise hinterfragen und sie erweitern. Ich entwarf eine Produktfamilie, die den nachhaltigen Gedanken unterstützt, dass weniger mehr ist. Jedes Produkt ist eine Symbiose zweier Werkzeuge. Insgesamt sind es drei Objekte mit sechs Funktionen: Ein Japanmesser, das auch eine Schere ist; ein Winkelmesser, der auch als Zirkel verwendet werden kann und ein Stift, mit man Geraden ziehen und messen kann.

Der Stift-Lineal in geschlossenem Zustand (rechts) und in Verwendung (links).

Beim Gestalten ist es mir wichtig, die Entscheidungen mit meinen inneren Werten zu vereinbaren. Dazu gehören: Gewahrsein, Ehrlichkeit, Akzeptanz, Mut und Liebe. Gewahr sein der gegenwärtigen Zeit, den gesellschaftlichen Strukturen, der Umweltproblematik und meinem Selbst. Ehrlich sein zu sich und seinem Umfeld und transparent im Gestaltungsprozess. Jede Hürde akzeptieren und sie mit Mut angehen. Dabei stets in Liebe für die Dinge einstehen, die sich nicht mit dem Auge fassen lassen.

Diesen Werten möchte ich auch in Zukunft treu bleiben und sie stets in den Designprozess einfliessen lassen. Werte zu definieren, mutige Entscheidungen zu treffen und mit Logik und Kreativität vorzugehen, lohnt sich auf jeden Fall.

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