Ein Arbeitsmodell aus dem Bachelorstudium.

Blick zurück ohne Zorn

Nur noch zwei Wochen studiert Sébastien Werlen Architektur an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Winterthur. Für Hochparterres «Campus» schaut er kurz vor Schluss zurück.

Als ich das erste Mal meinen Fuss in die Halle 180 setze, wusste ich spätestens beim siebten Schritt: Hier will ich studieren und ich konnte es kaum erwarten, damit zu beginnen. Im ersten Studienjahr war ich anfangs schwer damit beschäftigt, den eigenen Arbeitsplatz einzurichten. Alle Studierenden erhielten einen schönen Tisch und einen Stuhl mit abblätterndem Lack auf der Sitzfläche, so wie wir ihn alle aus unserer Schulzeit kennen. Zusätzlich wurden Sofas, Kaffeemaschinen, Kühlschränke und sonstige lebensnotwendige Gegenstände auf die Plattformen gehieft. Es war auch das Jahr, in dem wir lernten, dass Begriffe wie Entwerfen und Verwerfen nahe beieinander liegen. So war es von den Dozenten nur unterstützend gemeint, wenn sie an einer Besprechung mal mit dem Japanmesser eine Wand wegschnitten. Es wurde uns klar, dass das Modell als Arbeitsmittel verwendet werden soll und man lieber hier etwas rausreisst, statt  dies später auf der Baustelle tun zu müssen.
Im zweiten Jahr kamen wir dann so richtig in Fahrt. Es war das Jahr des Wohnungsbaus. Unglaublich, wie viel Engagement in das Ausfeilen der Wohnungsgrundrisse und in die Darstellung gesteckt wurde. Erleichtert, aber auch etwas erschöpft, schloss ich dieses Jahr ab und verstand erstmals, wie intensiv und anspruchsvoll es ist, das Handwerk des Entwerfens zu erlernen. Das dritte Studienjahr befasste sich mit grösseren Gebäudestrukturen und erforderte nochmals ein Umdenken im Massstab. Wenn im zweiten Jahr liebevoll eine angemessene Proportion für ein Esszimmer gesucht wurde, so mussten im dritten Jahr nun Räume geschaffen werden, in denen Hunderte Personen Ihren Platz zum Essen finden. Es war aber auch das Jahr, in dem man bereits wusste wie der Hase läuft. So konnten wir uns auch mal das Recht herausnehmen, auf dem Vorplatz zu grillen. 
Im ersten Masterjahr kam noch eine weitere Dimension des Entwerfens dazu: das synchrone Entwerfen. Es galt sich in einem ersten Schritt parallel mit den verschiedenen Aspekten und Massstäben des Entwurfs zu beschäftigen und diese dann in einem zweiten Schritt miteinander zu vereinen. Da ich das erste Jahr des Masters an der Kingston University in London besuchte, hatte ich anfangs Schwierigkeiten mit dem synchronen Entwerfen. Schlussendlich habe ich diese Lehrmethode dann doch noch zu schätzen gelernt. Als krönender Abschluss eines langjährigen Studentendaseins kam die Masterthesis und somit auch ein neuer Stuhl. Es handelte sich um einen Bürostuhl mit Rädern,  entworfen von Jørgen Rasmussen. Jetzt wurde auch das Sofa gerne gegen einen zusätzlichen Tisch eingetauscht. Die Thesis erforderte eine intensive Auseinandersetzung mit einer selbst formulierten Fragestellung. In dieser Zeit lernte man seine langjährigen Mitstudenten nochmals aufs Neue kennen. Dies, weil die individuellen Arbeiten auf eine gewisse Art die persönlichen architektonischen Interessen eines Jeden hervorbringen. 
Abschliessend möchte ich mich ich mich bedanken, dass ich an der ZHAW, aus meiner Sicht der schönsten Schule der Welt, den Beruf des Architekten erlernen durfte. Zwei Wochen liegen nun noch vor mir. Die erste Träne wird wohl fliessen, wenn ich den Bürostuhl für den nächsten Thesisabgänger hinterlassen werde

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