Erst wenn die Bushaltetstelle verlegt wurde nehmen die Architekturstudenten war, dass hier ja gebaut wird.

Bauen an der ETH (Teil 1 von 4)

Auf dem ETH-Campus Hönggerberg grassiert das Baufieber. Die Studierenden nehmen das aber kaum zur Kenntnis. Eine Serie von vier Beiträgen möchte das ändern.

Der regelrechte Bauboom, welcher Zürich in den letzten Jahren ergriffen hat, macht auch nicht vor den Pforten der ETH halt. Im Gegenteil, auf dem Hönggerberg scheint das Baufieber zu grassieren. Wurden seit 2008 bereits das Branco Weiss Information Science Laboratory, das neue Sportzentrum, die sogenannte Life Science Platform und die Erweiterung der Ingenieursversuchshalle eröffnet, sollen bis 2016 auf dem Campus zwei weitere Forschungsgebäude und fünf Wohngebäuden für 900 Studierende erstellt werden – Neubauten mit insgesamt über 40‘000 m2 Hauptnutzfläche, wie die Hochschule an einer Infoveranstaltung mitteilte.
Das Bauen an der ETH folgt einer ganz eigenen Tradition. Seit knapp 150 Jahren residiert sie in Gottfried Sempers prächtiger Stadtkrone und seit knapp 15 Jahren ist sie Betreiberin des HCI, des grössten und teuersten Bundesgebäudes, von Mario Campi. Das Hauptgebäude kostete das zur damaligen Zeit exorbitante Vermögen von einer Million Franken, beim letzteren betrugen die Baukosten –Spitzentechnologie und edlen Materialien geschuldet – 700 Millionen. Was beide Gebäude gemeinsam haben, ist die Tatsache, dass sie von amtierenden Professoren geplant wurden. Auch bei der Planung des Campus am Hönggerberg greift die ETH auf interne Fachkräfte zurück, was ja  an sich nicht verwerflich ist. Was aber doch verwundert ist die Tatsache, dass momentan die Studierenden am wenigsten vom Baubetrieb profitieren – das Baggern und Betonieren, bloss wenige Meter vom Hörsaal entfernt, dringt höchstens als Lärm in den praktischen Lehrbetrieb. Weder der Städtebau noch die Wohnungsgrundrisse der neuen Gebäude werden in Vorlesungen, Seminaren oder Ausstellungen thematisiert. Baustellenbesuche, speziell auf Studierende ausgerichtet, gibt und gab es in meinen fünf Jahren Studium bisher nicht.
Zugegeben, ich kenne keine Studierende, die sich bisher selbstständig zur Baustelle begeben oder sich gar dazu geäussert hätten. Auch sind die Baustellen etwas abseits der Eingänge, die man als Studierender benützt, und ohne auffällige Bautafel gekennzeichnet. Der Baubetrieb wird von Studierenden in erster Linie dann zur Kenntnis genommen, wenn die Bushaltetstelle unvorteilhaft verlegt werden muss – das ist schon bedauerlich. Jetzt halten die Busse wieder an gewohnter Stelle und man hat sich an die Baukräne auf der Wiese, wie auch vielerorts in der Stadt, gewöhnt. Mögen die beruflichen Zukunftsaussichten heute noch so rosig sein: Es wäre insgesamt schade, die praxisbezogene Erfahrungen, die ein reger Baubetrieb mit sich bringt, zu verpassen. Auch die Chancen für Diskussionen. Spätestens wenn Ende Jahr am Hönggerberg die ersten Wohngeschosse emporwachsen, sollten wir auf den Städtebau, die Architektur, die Konstruktion und den Bauprozess schauen. Man muss nicht immer zur Europa-Allee gehen, wenn doch so viel vor der eigenen Haustür passiert!

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