Nicht mehr Campus, noch nicht Stadt: die ETH Hönggerberg

Bauen an der ETH (4/4)

Die Baugeschichte der ETH-Hönggerberg ist eine Geschichte des Vermeidens, Überschreibens und Isolierens. Auch die kommenden Gebäude machen aus der frohen Collage unterschiedlicher Objekte keine Einheit.

Erst vor Kurzen wurden die Bauarbeiten an der Leonardstrasse im Zentrum Zürichs beendet und das LEE-Gebäude kann bezogen werden. Es überzeugt in seiner volumetrischen Setzung in den Stadtkörper ebenso wie in Ausdruck und Konstruktion, legt Wert auf grösstmögliche Flexibilität der Grundrisse und schafft es mit der bautechnisch schwierig zu bewältigenden, mehrfach geneigten Hanglage einen schlüssigen Kompromiss einzugehen. Die Stadtsilhouette in der Abfolge von Mosers Universitätsbau, Sempers Hochschulgebäude und ebenjenem Verwaltungsbau zeugt von den Energien die in den Schutz und Erweiterung eines wertvollen Ensembles gesteckt wurden.
Gleichzeitig machte die ETH auf dem Hönggerberg mehrere neu geplante Bauten publik, die in ihrer Schlüssigkeit bei manchen offene Fragen zurücklassen und fernab vom denkmalgeschützen Vakuum der Innenstadt wie Implantate in den luftleeren Raum einer seit den Fünfzigerjahren entwickelten Idee einer Campusuniversität wirken. Überzeugt beim neuen LEE im Stadtzentrum der Umgang mit dem Bestand und die Feinfühligkeit des Architekten Fawad Kazi, ist auf dem Hönggerberg schlicht zu wenig da, an dem es sich anzuknüpfen lohnen würde. Hatte Heinrich Steiner beim Bau seines Physikgebäudes das Sechseck bis ins Detail durchdekliniert und sich noch eine durchgrünte Komposition der Volumetrien vorgestellt, widersetzte sich bereits Max Ziegler in den frühen Siebzigerjahren mit seinem heutigen Architekturgebäude HIL den räumlichen Folgerungen dieser Gebäudeanordnung. Die wurde Anfang der Neunzigerjahre von Mario Campi platt gemacht und durch eine technoid anmutende Formalisierung und Geometrisierung ersetzt, die heute der Treffpunkt des Campus sein will. Die Baugeschichte des ETH-Aussenstandorts ist eine Geschichte des Vermeidens, Überschreibens und Isolierens.
Wer meint, die zeitgenössischen Projekte auf dem Hönggerberg hätten aus den Fehlern ihrer Vorgänger gelernt, der wird enttäuscht. Auch das Argument, an einer Hochschule seien doch experimentelle Ansätze zu begrüssen, zieht nicht, denn richtige Experimente werden nur zögerlich vorgenommen. Vielmehr ist der Campus eine frohe Collage unterschiedlicher Objekte mit dem Prestigeprojekt des unterirdischen Anergienetzes als das einzig wirklich verbindende System. Die beiden letzten Projekte der Hochschule sind da nicht anders.
Werden für den Neubau des ITA-Gebäudes (Institut für Technologie in der Architektur) in diesen Tagen die Stützen der dem HIL vorgelagerten Tiefgarage verstärkt, soll die Realisierung des Gastro-Pavillons im nächsten Jahr in Angriff genommen werden. Verspürt man beim etwas behäbigen Projekt des Pavillons (entworfen von Emilio Tuñòn Arquitectos aus Madrid), den Ehrgeiz einer Architektursprache, scheint das ITA-Gebäude (entworfen von den Professoren des Instituts) bloss ein Flickenteppich aus diversen Technologien zu sein, legitimiert durch Nachhaltigkeit und Funktion. Der doch vorhandene architektonische Anspruch liegt mehr in einem Formwillen, denn in einer städtebaulich und räumlich überzeugenden Lösung. Denn schliesslich nimmt der 2007 entwickelte Masterplan das gesamte Areal ins Korsett, als Ordnungsinstrument wird er aber bei den meisten Projekten umgangen und neu ausgelegt. Wie soll ein Masterplan denn auch seiner strukturierenden Bedeutung gerecht werden, wenn er vor allem mit dem Unbill vorhergehender Konzepte zu kämpfen hat?
Was einen als Teil ETH jedoch am Meisten ärgert, ist, dass kaum informiert oder nachgefragt wird. Bedürfnisse nach Raum und Nutzung werden durch technokratische Entscheidungsprozesse befriedigt, während in der Studentenschaft doch durchaus der Idealismus vorhanden wäre, etwas nachhaltig zu entwickeln – in einer Bedeutung der Nachhaltigkeit, die über die üblichen Phrasen von Energieeffizienz und Gebäudehülle hinausgehen könnte.

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