Donnerstags ist auf dem Campus Hönggerberg Markt.

Bauen an der ETH (3/4)

Aus 'Science City' wurde nun wieder der 'ETH Campus Hönggerberg'. Nichtsdestotrotz wird aus dem Campus Schritt für Schritt ein Stück Stadt – mit einem Wochenmarkt, polyglotten Nutzern, Touristen und bald auch Bewohnern.

Im deutschen Sprachgebrauch bezeichnet man das Geschäftsviertel einer Grossstadt als 'City'. Seit dem 150. Jubiläum der ETH Zürich hiess der Ort, an dem wir unser Architekturstudium absolvieren, 'Science City'. Dem ist nun nicht mehr so. Mit der Installation der neuen Signaletik sind wir nun wieder auf dem 'ETH Campus Hönggerberg' zuhause. Hat der ehrgeizige Name, Stadtquartier für Denkkultur, sein Ziel bereits erreicht? Fest steht dass wir Architekturstudierende der vielschichtigen Stadt mit ihrem Reichtum an Referenzen und räumlichen Beschaffenheiten öfters gerne etwas näher wären.

Das neue selbstbewusste Auftreten ist auf jeden Fall zu begrüssen. Der Campus ist ein Campus, und zwar ein europäischer; von Albert Heinrich Steiner initiiert und von Kees Christiaanse 2006 weitergedacht. In den letzten Jahren emanzipierte sich die Aussenstation der Hochschule. Auch wenn 'Science City' abstrakt gemeint war, merkt man bei der Lektüre des Masterplans, dass dieselben Schlagworte im Vordergrund stehen wie bei urbanen Zentren: Vernetzung, Austausch, Verdichtung, Durchmischung. Gehen wir täglich doch durch ein wahres Stück Stadt?

Warten wir ab, Quartiersentwicklung braucht Zeit. Die Vision ist nun 11 Jahre alt, der Masterplan 8. Ich selbst studiere seit 5 Jahren an der ETH. Die wirklich grossen Veränderungen stehen jedoch erst vor der Tür: Wenn die Wohngebäude bezogen werden, ist die Durchmischung offiziell. Trotzdem: Sie stehen dann am Rande des Perimeters und man fragt sich, inwiefern die Bewohner einen Einfluss auf das Campusleben am zentralen Forum haben werden. Eigentlich ist es aber heute schon fantastisch, wie viele Kulturen auf fünfzig Hektaren zusammenfinden. Neben den üblichen Verdächtigen wären da auch die Frühaufsteher, die für den Betrieb der Gebäude zuständig sind und jeden Tag von Neuem Fluchtwege von unseren Modellen frei räumen. Oder das Personal des Druckzentrums, das uns mit einer fast psychologischen Herangehensweise dazu bringt, aus unseren Plänen wieder auf den Boden der Realität zu finden. Die Studentenschaft und ihre Professoren sind bereits seit Jahren multikulturell, polyglott, durchmischt. Hinzu kommen fast täglich Gruppen von internationalen Touristen die über den Vorzeigecampus oder, seit neustem, auch durch die Katakomben seines Anergienetzes geführt werden.

Eine durchgehende Bebauung zu den angrenzenden Quartieren wird es nicht geben. Als Insel im Naherholungsgebiet erkennbar sind die Freiräume wie der Steinersche Garten mit den angrenzenden Hönggerberg und Käferberg vernetzt. So werden wir in unseren Gastrobetrieben von scheinbar gestrandeten Wanderern daran erinnert, dass eigentlich Sonntag ist. Gehen wir heute an den Stefano-Franscini-Platz oder an den Bürkliplatz? Eine Übertreibung. Aber urbaner soll es werden und so findet an Donnerstagen regelmässig Markt statt. Dass man sich nicht am Helvetiaplatz befindet, wird einem spätestens klar, wenn man sich zwischen den durchkonzipierten, motorisierten Verpflegungsangeboten bis an die nächste Fassade durchgeschlagen hat. Dort sucht man die gerade erlebte temporäre Kleinteiligkeit und Durchmischung vergebens. Vielleicht ist die Qualität des Campus des 21. Jahrhunderts genau die, dass das Temporäre und Improvisierte dem Corporate gegenüberstehen kann. Vielleicht zeigt der Wochenmarkt aber auch erst diese Möglichkeiten auf und zeigt eine Nachfrage der die Räume am Platz in Zukunft gerecht werden müssen.

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