Das Lehrgebäude HIL auf dem Hönggerberg: Sitz des Departements Architektur der ETH Zürich. Fotos: Roland zh via Wikimedia Commons

Aussicht auf Besserung

Am Departement Architektur der ETH wurde als Reaktion auf alarmierende Ergebnisse zweier Umfragen die ‹Mental Health Group› ins Leben gerufen. Ihr Ziel: langfristige Lösungsvorschläge für eine gesunde Lehre.

Wer hat noch nicht von den Schauermärchen über das Architekturstudium gehört? Von ewigen Nachtschichten, Abgabestress und der immensen Dauerbelastung? Dass diese Aussagen nicht nur blosse Übertreibungen sind, haben zwei Umfragen aus den Jahren 2019 und 2020 gezeigt. In der ersten wurden die Studierenden aller 16 Departemente der ETH Zürich zu ihrer Zufriedenheit mit dem Studium befragt. Die Ergebnisse aus dem Departement Architektur (D-ARCH) stachen alarmierend heraus: So wurden etwa die persönliche Freiheit (verfügbare Zeit für soziale Kontakte und Aktivitäten ausserhalb und Freiheit in der Gestaltung des Studiums), die Studiensituation (Arbeitslast, Leistungsdruck und Betreuung), sowie das Klima am D-ARCH wesentlich schlechter eingeschätzt, als an allen anderen Departementen. Daraufhin wurde im Herbst 2020 eine departements-interne Umfrage der architektura, dem Fachverein der Architekturstudierenden, durchgeführt. Sie hatte zum Ziel, einen vertieften Einblick zu gewinnen sowie Aufschluss über mögliche Ursachen der oben erwähnten Probleme zu erhalten. Die zweite Umfrage bestätigte die Ergebnisse der ersten. Sie zeigte, dass der durchschnittliche Arbeitsaufwand der Studierenden 63 Stunden pro Woche betrug und mehr als ein Drittel der Befragten im laufenden Semester unter mindestens fünf Symptomen psychischer Belastung litt.

Als Reaktion auf diese Ergebnisse wurde im Januar 2021 die ‹Mental Health Group› ins Leben gerufen. Die Arbeitsgruppe setzt sich zusammen aus Vertretenden der Studierenden, der Assistierenden und der Professor:innen. Ihr Ziel ist es, nachhaltige Lösungsvorschläge für alle Beteiligten zu erarbeiten sowie zur Entschärfung der Situation am D-ARCH beizutragen. Dazu arbeitet sie eng mit der Departementsleitung und anderen Gruppierungen wie der ‹Parity Group›, ‹architektura› oder der Gruppe ‹Engagement› zusammen. Nach einer ausführlichen Analyse der Umfragen, diversen Gesprächen mit Mitgliedern des D-ARCH und einer Psychologin konnte die ‹Mental Health Group› bereits im März 2021 erste Massnahmen zur kurzfristigen Verbesserung vorstellen. Diese betrafen das Verhalten und die Kommunikation in den Studios. Derzeit und zukünftig setzt sich die Arbeitsgruppe dafür ein, dass Anlaufstellen mit geschulten Kontaktpersonen eingerichtet, dass die Abläufe am Departement transparenter werden und Wissen zu Fragen der mentalen Gesundheit aufgebaut wird.

Ebenfalls im Januar 2021 hat das Departement Architektur eine weitere, externe Umfrage in Auftrag gegeben. Die Gruppe ‹Engagement› – eine von Künstler:innen getragene Bewegung, die sich gegen sexuelle Belästigung, Sexismus und Machtmissbrauch im Kunstbetrieb wendet – hat über sechs Monate hinweg Gespräche mit verschiedensten Mitglieder des Departements geführt. Der abschliessende Bericht mit Ergebnissen, Erfahrungen und Vorschlägen kann hier gelesen werden. All diese Bestrebungen zeigen, dass der Wille da ist, bestehende Verhältnisse zu verändern und Bedingungen für eine gesunde sowie psychisch nachhaltige Lehre und Arbeitswelt zu schaffen. Denn schliesslich existieren diese Probleme – darauf lassen weitere Studien und Umfragen anderer Hochschulen schliessen – nicht nur an der ETH Zürich und am D-ARCH, sondern sind vielmehr Eigentümlichkeiten der Architekturausbildung generell. Sie lassen sich als Symptome einer zweifelhaften Haltung zur Arbeit und Produktion deuten, die in der Architekturwelt oft als ‹Kultur› hochgehalten und missverstanden wird. Auch diesem Umstand gilt es entgegenzuwirken, nicht nur am D-ARCH und an der ETH, sondern überall.

* Die Autor:innen sind Teil der ‹Mental Health Group› am Departement Architektur der ETH Zürich.

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Kommentare

Caspar 20.12.2021 22:36
Super Sache und notwendig! @Lilly Wettbewerb hat doch nichts mit depressiver Verstimmung zu tun? Oder arbeitest du nur dann gut wenn es dir so richtig schlecht geht?
Lilly 20.12.2021 10:10
Wenn man schon das Privileg besitzt, an einer der renommiertesten Schulen der Welt studieren zu können, gratis notabene, sollte man schon ein wenig Wettbewerb aushalten können. Schulen für Architekten-Mänätscher gibts europaweit schon genug, die die zukünftigen Angestellten des Hochbauamts der Stadt und des Kantons Zürich (3-Tage-Woche und Arbeitsschluss um 15h30) ausbilden.
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Ich kann das Bild nicht lesen