Seit letzter Woche sind auf dem Hönggerberg die Diplomarbeiten beziehungsweise die Master-Arbeiten ausgestellt. 137 Studierenden haben dieses Semester ihren Abschluss gemacht.

A,B,C oder frei?

Ist der Wettbewerb wirklich die Königsdisziplin des Architekturberufs? Die Master-Arbeit an der ETH simuliert ein System bei dem risikobereite und hinterfragende Projekte einen schweren Stand haben.




Bis zum 29. Mai sind auf dem Hönggerberg die Diplomarbeiten beziehungsweise die Master-Arbeiten ausgestellt. 137 Studierenden haben dieses Semester ihren Abschluss gemacht. Dies soll mir als Anlass dienen, etwas grundsätzlicher über die Master-Arbeit an der ETH nachzudenken.

Mit dem Abschluss des Studiums der Einen beginnt die Bewerbung um einen Platz bei einer Diplomprofessur der Andern. Für das geforderte Portfolio legen sich nicht wenige noch mal richtig ins Zeug, bauen neue Modelle von alten Projekten, überarbeiten Pläne und Texte. Denn wer will schon in die missliche Lage kommen, von keinem Professor gewählt zu werden. Eine emotional aufgeladene Angelegenheit. Um das Ganze etwas zu entschärfen wird auf Initiative des Sekretariats in Zukunft alles elektronisch ablaufen.

Hat jeder einen Platz gefunden, wählt man zwischen den Themen A,B oder C, die jeweils drei verschiedene Massstäbe abdecken. Die Aufgabe wird gelöst. In vielen Fällen vor allem auch so, dass die Professur in der Ausstellung gut repräsentiert wird. Diese Mischung aus Abhängigkeit und Simulation einer möglichst marktgetreuen Wettbewerbssituation steht meiner Meinung nach im Gegensatz zu der im Master-Reglement geforderten «Förderung einer zunehmend selbständigen, individuellen Arbeitsweise».

Eine Chance diese Ziel besser zu erreichen, wäre die Förderung des freien Themas. «Interessierte Studierende» haben denn die Möglichkeit, sich zwei Semester lang einer eigenen Fragestellung zu widmen. Da in den frühen Nullerjahren entschieden wurde, dass die Zahl der A,B,C-Diplomanden, welche die Professuren zwingend aufnehmen müssen, auf Grund von Freien-Diplomanden, nicht reduziert werden darf, sind die Plätze stark limitiert. Viele Professuren wollen erst gar keine freien Themen betreuen und für die Unterstützer bedeutet es einen Mehraufwand der nur begrenzt geleistet werden kann. Das ist ein wichtiger Grund, wieso in der aktuellen Diplomausstellung nur vier freie Arbeiten zu sehen sind.

Das A,B,C-System ist so schon seit Jahrzehnten fest im Departement verankert. Immer wieder gibt es halblaute Stimmen, die eine Reform fordern, bislang ohne Erfolg. Im internationalen, ja sogar im nationalen Vergleich ist dieses sehr eng gehaltene System eine Seltenheit. Dass ein Abschluss nur im Entwurf möglich ist, sollte unbedingt überdenkt werden. Denn obwohl die Expertise in allen Instituten am Departement Architektur hoch ist, kann man bis anhin nur im Institut für Entwurf und Architektur abschliessen. Generalist hin oder her, ausreissende Spitzen sollten mindestens möglich sein.

* Selina Sigg ist Redaktorin der Zeitschrift trans, dem Fachmagazin des Architekturdepartements der ETH Zürich, das seit 1997 von einer unabhängigen, studentischen Redaktion geführt wird.

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