Wie bewegen sich Museumsbesucher:innen durch eine Ausstellung?

Beobachten als künstlerisch forschende Geste

Studierende des Bachelor-Studiengangs ‹Vermittlung in Kunst und Design› der HGK Basel FHNW haben untersucht, wie sich Museumsbesucher:innen durch eine Ausstellung bewegen.

Ausgestattet mit mehreren Kopien des Grundrisses der Ausstellung, einem Stift und einer Stoppuhr begaben wir uns in die Fondation Beyeler in Riehen. Während der Retrospektive zu Henri Matisse beobachteten wir die Museumsbesucher:innen und zeichneten deren Bewegungswege auf. Wir notierten die jeweilige Verweildauer und die Positionierung vor den Werken. Wir hielten fest, welche Werke fotografiert wurden und machten uns Notizen zum Verhalten der Person. Das Beobachten selbst verstanden wir als eine künstlerisch forschende Geste, die den Prozess der Wahrnehmung selbst zum Gegenstand der Untersuchung machte, mit dem Ziel, Erkenntnisse zu gewinnen. Die Beobachtungen hielten wir akribisch fest und überführten sie später in grafische Darstellungen, um die unterschiedlichen Bewegungen, Zeiten und Verhaltensmuster sichtbar zu machen. Daraus entstand eine Kartografie verschiedenster Museumsbesucher:innen und ihrer Wege durch die Ausstellung – zugleich eine Reflexion über den musealen Raum als Ort des Lernens, der Repräsentation und der Begegnung.

Visualisierung aller Aufzeichnungen der beobachteten Museumsbesucher:innen

Interessant war, dass die meisten Besucher:innen sich überraschend systematisch durch die chronologisch aufgebaute Ausstellung bewegten. Viele haben aufmerksam die Saaltexte gelesen, einige verloren sich in Gesprächen oder im Fotografieren der Kunstwerke. Das Kunstwerk, das zu Werbezwecken auf Plakaten verwendet wurde, war – wenig überraschend – das meistfotografierte Werk der Ausstellung. Wir stellten zudem fest, dass der Audioguide einen grossen Einfluss auf die Verweildauer vor Werken hatte. So blieben die Menschen mit Audioguide meist viel länger vor den Werken stehen, bei denen es zusätzliche Infos zu hören gab. Diese Menschen gingen also ganz anders durch die Ausstellung als diejenigen, die keinen Audioguide hatten.

Das Beobachten wurde von uns unterschiedlich wahrgenommen – manchmal verlangte es höchste Konzentration, manchmal war es schlicht langweilig und erforderte viel Geduld. Besonders eindrücklich war eine Besucherin, die mehr als elf (!) Minuten vor einem einzigen Werk verweilte. Ausgehend von unserem Forschungsprojekt gestalteten wir einen Workshop für unsere Mitstudierenden, in dem sie die Rolle von Kurator:innen einnehmen konnten. Damit wollten wir ihnen einen praktischen Einblick in kuratorische Prozesse einer Ausstellungsplanung ermöglichen und die Herausforderungen bei der Planung einer Ausstellung vermitteln. Sie mussten die Werke der Ausstellung auf dem Grundriss positionieren und sich überlegen, wie sie sich durch die Ausstellung bewegen würden. Damit wollten wir einen Einblick in unser Projekt geben und nachvollziehbar machen, wie kuratorische Entscheidungen die Wahrnehmung und die Vermittlung prägen. Unser Mitstudierenden sollten erkennen, dass die räumliche Gestaltung, die Saaltexte und das Licht genauso Teil der Vermittlung sind. Künstlerisches Forschen bedeutet für uns auch, Strukturen sichtbar zu machen und kritisch zu hinterfragen.

Unsere Mitstudierenden während des Workshops

Unser Forschungsprojekt hat gezeigt, dass aufmerksames, genaues und analytisches Beobachten wertvoll ist, da es tiefere Einblicke hinter die Kulissen ermöglicht und so unerwartete Dinge zum Vorschein treten lässt. Dabei wurde uns bewusst, wie wichtig es ist, das Verhalten von Museumsbesucher:innen zu analysieren. Diese Erkenntnisse sind unserer Meinung nach essenziell für die Kunstvermittlung, da sie helfen, sich in die Museumsbesucher:innen hineinzuversetzen. Das trägt dazu bei, auf ihre Bedürfnisse einzugehen. Besonders spannend fanden wir, wie unterschiedlich Kunstwerke betrachtet werden und wie stark äussere Faktoren wie die Raumgestaltung oder die Positionierung der Werke diese Wahrnehmung beeinflussen können. Durch diese Erfahrung haben wir gelernt, Kunstvermittlung aus der Perspektive der Museumsbesucher:innen zu denken.

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