Auf der Suche nach den verlorenen Erinnerungen
In ihrer Bachelorarbeit erkundet Alissa Knopp das Potential von Geruch für das Wohlbefinden von Menschen mit Demenz. Dafür wurde sie von der ZHdK mit dem Förderpreis Design 2025 ausgezeichnet.
Welche Bedeutung hat Geruch für dich persönlich?
Alissa Knopp: Erst durch meine Bachelorarbeit ‹Memoscent› habe ich mich intensiv mit Geruch auseinandergesetzt. Plötzlich habe ich mein Umfeld geruchlich wahrgenommen: das Haus meiner Grosseltern, Spielzeug oder andere Dinge, die mit schönen Kindheitserinnerungen verknüpft sind. Interessanterweise sind das oft auch unangenehme Gerüche.
Woher kommt das?
Es mag widersprüchlich klingen, aber negativ konnotierte Gerüche müssen keine negativen Gefühle auslösen. Den Geruch eines Hafens beispielsweise, in dem sich Treibstoff, schmutziges Meerwasser und Rost vermischen, empfand ich als Kind vermutlich als unangenehm. Im Prozess des Erinnerns aber wird meine Wahrnehmung emotional neu aufgeladen: weil mich der Kontext – eine sommerliche Ferienreise – mit Freude erfüllt und weil ich mit Wehmut auf diese vergangene Zeit meines Lebens zurückblicke. Die Geruchswelten, die uns umgeben, verknüpfen wir individuell mit unseren Biografien. Da sie im Langzeitgedächtnis abgespeichert sind, bleiben sie präsent bis ins hohe Alter.


Womit wir zum Thema deines Abschlussprojekts ‹Memoscent› kommen. Darin beschäftigst du dich mit der Frage, wie Gerüche und Objekte zum Wohlbefinden von Demenzkranken beitragen kann. Wie bist du darauf gekommen?
Demenz beschäftigt mich schon eine Weile, weil meine Grossmutter daran erkrankte. Das Thema ist präsent in der Gesellschaft und es macht viele Menschen hilflos. Sie wissen nicht, wie sie mit ihren Angehörigen umgehen sollen. Zu der Zeit sah ich eine künstlerische Arbeit, die Geruch und Textil verbindet. Ein wichtiger Aspekt davon war das Verhältnis von Vergessen und Erinnern. Ich sah das Potential, als Industriedesignerin einen Beitrag zu leisten.
Was waren die ersten Schritte in der Entwicklung?
Um ein fundiertes Projekt entwickeln zu können, suchte ich den Austausch mit spezialisierten Personen und Institutionen: Stefan Zahler und Priscille Jotzu vom Projekt ‹o-Health›, das sich mit dem Zusammenhang von Geruch und räumlicher Qualität in Altersheimen auseinandersetzt, gaben Inputs für die Theoriearbeit. Der Parfümeur Andreas Wilhelm ermöglichte den Zugang zu spezifischen Gerüchen und erklärte mir wie Synthetisierung funktioniert, ein technisch komplexer Vorgang, der Thema für eine eigene Arbeit wäre. Entscheidend war die Praxispartnerschaft mit dem Demenzzentrum Sonnweid, in dem ich eine Reihe von Workshops durchführte.
Wie bist du vorgegangen?
Es war wichtig, erst mal ohne Verantwortung da zu sein. Zum Wahrnehmen, Notieren, Nachfragen. Dann brauchte es viel Flexibilität. Wer ist wann wach, fit und gut gelaunt? Ich war froh um die Unterstützung der Stationsleiterin, ihre Offenheit und Interesse. Wir setzten uns in den Gemeinschaftsbereich, wo es viel Aktivität gibt. Fragten, wer sich dazu setzen möchte. Ich hatte Duftkarten und Objekte dabei, aus Stein, Wachs oder Ton. Mit verschiedenen Farben, Mustern und Texturen. Und Gerüche natürlich. Ich wollte herausfinden, wie klar oder abstrakt die Stimuli sein müssen, um zur Interaktion einzuladen. Das brauchte viel Zeit, aber es war sehr spannend ins Gespräch zu kommen, etwas anzubieten und herauszufinden, was passiert. Manche Gegenstände blieben lange in den Händen, andere wurden schnell zurückgelegt.
Und die Gerüche?
In den Workshops trug ich Gerüche mit Duftöl auf ein Stück Watte auf. Das funktionierte aber nur bedingt, weil sie zu wenig konzentriert waren. Sie vermischten sich mit anderen Gerüchen. Sie müssen stark sein und punktuell auftreten, um zu wirken. Diese Erkenntnis hat sich dann später auf das Design der Objekte ausgewirkt.

Wie hast du darauf reagiert?
Teil des Projekts ist eine breite Umfrage zu Geruchserinnerungen in der Kindheit und eine Reihe von Interviews mit Zeitzeuginnen, die in den 1950er Jahren jung waren. Es kam heraus, dass es für Menschen dieser Generation einige Gerüche gibt, die vielen im Gedächtnis geblieben sind. Holzofen und abgekochte Milch, Regen auf Asphalt und frisch geschnittenes Gras, Gülle auf Bauernhöfen. Teilweise auch Gerüche, die im heutigen Alltag fast nicht mehr vorkommen. Es hätte allerdings den Rahmen des Projekts gesprengt, diese Beschreibungen in industriell herstellbare Gerüche zu übersetzen. Gemeinsam mit dem Parfümeur Andreas Wilhelm entschied ich, bestehende, synthetische Gerüche zu verwenden: Feuer, Leder und frisch geschnittenes Gras. Und legte den gestalterischen Fokus auf die Objekte.
Wie funktioniert ‹Memoscent›?
Ausgangspunkt ist ein Biografie-Fragebogen. Basierend auf den Antworten stellt ‹Memoscent› ein Set mit Alltagsgerüchen zusammen, die zum Leben der Person mit Demenz passen könnten. Im Set sind auch die Duftobjekte enthalten. Sie werden mit den Gerüchen befüllt, die bei der Person positive Erinnerungen auslösen sollen. Langfristig sollen neben dem Geruch auch Farbe und Material individuell gewählt werden können. Wichtig ist die haptische Erfahrung: die Objekte liegen gut in der Hand und sind mit einem Mechanismus versehen, der mit eingängigen Bewegungen geöffnet wird und den Geruch freigibt. Ebenso einfach lässt er sich auch wieder schliessen.
Wie geht es für dich weiter?
Für die Prototypen habe ich viel positives Feedback erhalten, unter anderem auch aus dem Pflegezentrum Sonnweid. Nun beantrage ich Fördergelder und bemühe mich um Kooperationen mit dem Ziel, das Produkt zur Marktreife zu bringen.
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